Was wirklich schwer daran ist, die Wirtschaftswelt, ein Unternehmen oder auch „nur“ das eigene Berufsleben hin zu: „etwas besser“ zu verändern

Man könnte ja die Auffassung haben, „Weltverbesserer“: Das sei ein relativ kleines Grüppchen Menschen. Menschen, die etwas sensibler sind oder etwas nörglerischer oder etwas besserwisserischer als der Durchschnitt. Oder alles zusammen.

Nach meiner Auffassung sind wir aber allesamt Weltverbesserer. Jeder versucht im Grunde nach bestem Wissen und Gewissen das Seinige zu tun, um die Welt um ihn herum in die aus seiner Sicht richtige Richtung zu bringen.

Wenn man das so sieht, ergibt sich die Frage: Wenn das so ist, wenn also im Grunde nahezu alle „guten Willens“ sind, – warum verdammmichnocheins sieht die (Unternehmens-)Welt dann so aus, wie sie eben aussieht? Warum stört mich dort so viel? Warum passiert soviel Indiskutables? Warum werden, gerade in Unternehmen, derart viele meiner Werte verletzt? Warum werden dort Menschen immer wieder so schlecht behandelt? Warum kriegen wir das alles nicht besser hin, wo es doch offensichtlich nahezu alle stört, was dort vor sich geht?

An dieser Stelle kann man – wenn man das möchte – in eine entlastende, fatalistische Richtung abbiegen. Man kann leicht aus der Gleichzeitigkeit von allgegenwärtigem guten Willen und allgegenwärtigem suboptimalem Ergebnis den Schluss ziehen, „dass es besser eben nicht geht“. Dass das, was wir haben, möglicherweise eben schon das Optimum ist. Traurig, aber wahr.

Aber dieser Schluss ist nicht notwendig. Es ist nicht der einzig mögliche Schluss, den man aus der Gleichzeitigkeit der Annahmen ziehen kann, dass alle Gutes wollen und gleichzeitig „der Output“ schwer zu wünschen übrig lässt.

In der Tat gibt es sogar mehrere Alternativen. Eine davon, die auf „Gestaltung von Rahmebedingungen“ zielt und prominent von Thomas Hobbes und den heutigen Vertretern der ethischen „Ökonomik“ (Karl Homann) vertreten wird, habe ich schon oft erläutert. Auch der Ansatz von intrinsify!me zielt im Grunde auf diese Ebene, die Ebene systemischer Veränderung (und verbindet mich mit diesem Netzwerk). Man sagt dann verkürzt ausgedrückt: Es sind Umstände denkbar, in denen alle das Beste wollen, aber die Anreize der Umstände so liegen, das beim Einzelnen Verhalten getriggert wird, das im Gesamtergebnis der aufeinanderwirkenden Verhaltensdynamiken Dinge herauskommen, die KEINER der Beteiligten wünscht.

Es gibt nach meinem Empfinden aber ein Problem mit dieser Sichtweise: Sie ist allzu entlastend. Und allzu beschwerlich zugleich.

Sie ist zu entlastend, weil sie die Entschuldigung der Umstände zu hoch hängt, auch wenn sie diese Entschuldigung mit einer Aufforderung zur Gestaltung der Umtände (die einen zu dem „schlechten Verhalten“ bringen) verknüpft.

Sie ist zu beschwerlich, weil man leicht an der Frage hängen bleibt, wie verdammtnocheinzweitesmal man um himmelswillen auf Systeme einwirken kann?

Die Antwort ist zwar im Grunde ganz einfach: Die größte Wirkebene haben wir Menschen – auf Menschen. Und „Menschen machen System“, zumindest die Systeme, die für uns Menschen am meisten Bedeutung haben und um die es bei „Ethik“, „Verhalten“ und „Unternehmen“ eben geht.

Und das bringt uns wieder zu der Frage zurück, wie auf Menschen, die ja selbst als in sich geschlossene Systeme gesehen werden können, „gut eingewirkt werden kann“.

Und das soll dann gleichzeitig bitteschön nicht-manipulativ, nicht gewalthaft und nicht die Selbstbestimmung einschränkend geschehen!

Ein ganz schöner Anforderungshammer! – Zumindest empfinde ich das so.

D.h. man kann zwar einsehen, dass wir uns auf Rahmenbedingungen konzentrieren können und vielleicht sollten, aber wenn’s dann konkret wird, bleiben wir in der Regel ratlos und trostlos zurück. Viel zu beschwerlich erscheint „Systemveränderung“. Und das wirft uns dann zurück in ein leeres Besserwissertum, oder in Veränderungsverhalten, bei dem wir selbst mehr Teil des Problems sind als Teil irgendeiner Lösung (indem wir gewalthaft-manipulativ agieren), oder in den erwähnten Fatalismus, der sich Dinge schön redet, die man in Wirklichkeit innerlich überhaupt gar nicht schön findet oder auch nur akzeptieren kann, oder doch in die Annahme, dass nicht ALLE das Beste wollen, sondern nur ein paar wenige Auserkorene, die es im Gegensatz zu den anderen Dummies „gecheckt haben“ (was der Nährboden für gewalthaft-manipulatives Agieren ist).

Auf jeden Fall ist man relativ schnell in lauter unguten Alternativen verstrickt, in die man eigentlich gar nicht verstrickt sein möchte.

Ich denke aber, die eigentliche Schwierigkeit – und damit auch ein Ausweg – liegt ganz woanders. – Sie liegt in uns. Natürlich wollen wir das Beste. Aber im Alltag haben wir alle unsere eigenen Dämonen. Und da hilft uns unser Besser-Wollen und unser Besser-Wissen oft nur wenig weiter, sondern macht die Sache noch bitterer. Wir agieren nicht so wie wir es uns von uns selbst wünschen.

Und von daher hat der Satz: „Sei Du selbst der Wandel, den Du in der Welt sehen möchtest“ eine universelle Gültigkeit.

Nun sagen die harten Theoretiker der Rahmenbedingungen zu Recht, dass jener Satz einen in manchen Situationen ins Märtyrertum treiben kann und dass man beim besten Willen nicht von uns allen erwarten kann, Märtyrer (z.B. des Arbeitslebens) zu werden. Man müsse daher „die indviduellen Kosten für das erwünschte Verhalten systematisch senken“ – eben durch bessere Gestaltung der Rahmenbedingungen für dieses Verhalten.

Jedoch: Das Gestalten von Rahmenbedingungen selbst geschieht durch menschliche Interaktion. Und dabei sind „wir selbst“ das zugleich wirkungsvollste und wertvollste „Instrument“. Nichts bewegt andere so wie ein anderer Mensch. Im Guten wie im Schlechten.

Und von daher beginnen AUCH und GERADE systemische Veränderungen in der Arbeitswelt und in unseren Unternehmen mit einem ausnehmend guten Umgang mit uns selber. So schwer auch gerade der uns fällt. Und so verführerisch das entlastende Ausweichen auf das skandalöse Verhalten Anderer immer sein wird.

Worin dieser „gute Umgang mit uns selber“ besteht, und ob man diesen wirklich so direkt und auf sich selbst fokussiert angehen kann oder sollte, darüber kann man vielerlei Meinung sein. Vieles spricht dafür, immer wieder zwischen Fremd- und Selbst-Empathie hin und her zu pendeln. Und damit niemals aufzuhören. Vieles spricht dafür, dass der pure Wunsch, sich mit Anderen wirklich zu verbinden, mit dem, was sie innerlich bewegt und was für sie wirklich Bedeutung hat, und der Wunsch, für Andere da zu sein, eine große Kraft hat, die bereits viel Selbst-Empathie miteinschließt. Viel spricht auch dafür, dass einige Menschen bei diesem „Für-Andere-da-sein“ aber auch achtsam und vorsichtig sein müssen, nicht im Anderen zu kompensieren, was sie eher bei sich selbst lösen können („Helferkomplexe“, „Retterverhalten“ u.ä.), dass sie in irgendeinem Punkt eher selbst Hilfe brauchen, annehmen oder um sie bitten können.

Aber vermutlich führen doch „viele Wege nach Rom“. Und nicht ein einziger, allein seelig machender.

Unser Leben bleibt spannend. Vor allem, wenn wir weiter versuchen, was wir ohnehin oft schon die ganze Zeit versuchen: Unsere Unternehmen noch besser zu machen als sie schon sind. Und unsere Arbeitswelt so zu gestalten, dass wir uns in ihr überwiegend wohlfühlen können und sie unseren tieferen Zielen dient.

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