Beseelte Unternehmen

Wovon ist ein gutes Unternehmen überhaupt beseelt?

M.E.: Von dem Wunsch, einen positiven Beitrag zu dieser Welt zu leisten, anderen Menschen wirklich von Nutzen zu sein, echte Bedürfnisse zu erfüllen und Probleme zu lösen, die andere haben.

Klingt idealistisch. – Aber Idealismus ist nur dort ein Problem, wo ein Ideal absolut gesetzt wird und damit das große Leiden an der Realität beginnt.

Was jederzeit möglich ist, ist jedoch so etwas wie ein „pragmatischer Idealismus“, d.h. ganz banal: Man tut etwas für das, was man in der Welt sehen möchte. Das muss keine verzweifelte Note haben, sondern kann im Gegenteil besonders viel Freude machen und einen auch dazu bringen, all das abzurufen an Fähigkeiten und Findigkeiten, zu dem man in der Lage ist. Und: Es erfordert Mut. Denn natürlich ist immer-wieder-Scheitern ein Teil dieses Wegs.

Für mich sind gute Unternehmen die gemeinschaftliche Variante diesen Muts und dieses pragmatischen Idealismus.

Zwar gibt es andere, die argumentieren, die meisten Menschen strebten in ihrer Arbeit nach viel Banalerem: Einem halbwegs guten Auskommen, netten Kollegen, genug Zeit für ihr Privatleben, usw. usf., – und das stimmt ja auch alles – nur verschweigen die, die so argumentieren, wie innerlich leer sich die meisten fühlen, wie verzweifelt sie sind und in was für einem schlechten Zustand. Um es hart zu sagen, und bezeichnenderweise steht dieser Satz in einem Kinderbuch (!): ”Aber es gibt Dinge, die man tun muss, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck”. – Man kann das auch andersherum sagen: Wenn einem Menschen solche bedeutungsvolle Dinge in seinem Leben völlig fehlen, ist es verdammt schwer für ihn, sich nicht so zu fühlen, als sei er ein Häuflein Dreck. – Wir haben es hier zu tun mit dem viel zu verbreiteten Problem des gelebten Nihilismus. In unserem Fall: Ein Nihilismus, der auch noch sozial akzeptiert und gestützt wird:  Von vielen unserer Institutionen und Regelungen in unseren derzeitigen sozialen Systemen. Und von vielen verbreiteten  und weithin akzeptierten Meinungen, also einer Art nihilistischem common sense.

Der Autor Martin Sage schreibt sehr treffend: „Der Weg in die Hölle führt über die Bequemlichkeit“. – Das ist in meinen Augen ein sehr gefährlicher Satz, denn es gibt ein verbreitetes Verständnis von Bequemlichkeit, das hier NICHT gemeint sein kabnn, so dass der Satz sehr offen für ein fatales Missverständnis ist. – Nicht gemeint ist nach meiner Interpretation z.B. diejenige „Bequemlichkeit“, die einfach in Ruhe, Muße, Innehalten, Gelassenheit und Es-langsam-und-mit-Bedacht-angehen besteht. Deren Gegenpart ist nämlich der sinn- und verstandlose Aktivismus, den wir im Wirtschaftsleben so häufig antreffen und der m.E. selbst eine Bequemlichkeit ist. Denn dieser Aktivismus ist sich zu bequem, um von seiner Gewohnheit „immer voll speed“ mal abzugehen, obwohl ihm das schwer fällt. Und er ist zu ängstlich, um sich der Leere in seinem Inneren zu stellen, er glaubt, dass er das nicht überleben würde, nur weil es zunächst weh tut.

Gemeint ist hier unsere Neigung, die Möglichkeit unseres Betriebssystems „Mensch“ nicht zu nutzen, immer wieder völlig neue Strukturen in uns aufzubauen. D.h. „über uns hinaus zu wachsen“ wie man so schön sagt. Auch der Spruch: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“ trifft sehr gut was mit der Gleichsetzung von Bequemlichkeit und Hölle gemeint ist.

Ein Verständnis von Unternehmertum und Arbeit, dass vermeintlich human den Menschen ihre Bequemlichkeit lassen will, ist für mich nichts weniger als ein Beitrag dazu, dass noch mehr Menschen als das ohnehin schon der Fall ist, immer unzufriedener werden, mit jedem Tag, den sie leben.

Aber Bequemlichkeit überwinden ist schwer. Wir haben hier als Menschen eine Schwierigkeit vor uns, die in ihrem Ausmaß unseren Möglichkeiten angemessen ist. Das heißt: Die Bequemlichkeit zu überwinden ist eine ECHTE, ist DIE Herausforderung für uns (Und das sage ich, obwohl ich ein Riesenfan der Muße bin. Aber die ist eben mit Bequemlichkeit NICHT gemeint).

Das Großartige an guten Unternehmen ist nun, dass sie einen weiteren integralen Bestandteil unserer fundamentalen Software als Mensch nutzen, um uns zu helfen, diese Herausforderung meistern zu können. Nämlich, ganz banal, dass das gemeinsam viel leichter geht als im heroischen Kampf, ganz für sich allein.

Gute Unternehmen sind Orte, an denen Menschen in der Zusammenarbeit für Dritte (die Kunden) über sich hinaus kommen. Und auch davon sind gute Unternehmen „beseelt“. Das spürt man, das kann man sehen, hören und fühlen.

 

 

P.S. Wie verbreitet die krankhaft einseitige Sicherheitsorientierung unter deutschen „Arbeitnehmern“ ist und wie wenig diese Bestärkung in diese Richtung brauchen, kann man vielleicht erahnen, wenn man folgenden Artikel auf Spiegel Online liest.

Jener Artikel erschien 2012, also zu einem Zeitpunkt, als die große Krise auf dem deutschen Arbeitsmarkt von 2008 bereits stabil überwunden war und die Aussichten für „Arbeitnehmer“ rosiger denn je, auf jeden Fall aber deutlich rosiger als in vielen anderen Ländern Europas, in denen die Sicherheitsorientierung DENNOCH geringer ausgeprägt ist als in Deutschland. – Durch diesem Vergleich kann man auch sehen, wie wenig diese Haltung mit „Realismus“ zu tun hat. Vielmehr handelt es sich um einen Pessimissmus und fehlenden Mut, der sich als Realismus verkauft.

Zum Anderen sei noch betont, dass unsere ganz alltäglichen, vermeintlich „menschlicheren“ Bedürfnisse natürlich wichtig sind und an erster Stelle kommen. Es IST wichtig, dass ich meine Familie ernähren kann. Es ist wichtig, dass ich so meine Entscheidungen treffe, dass ich aus heutiger Sicht beurteilt auch noch in 10 Jahren eine erkennbare Chance habe, berufstätig, gesund und glücklich zu sein. – Aber hier ist gar kein Konflikt mit vermeintlich „unmenschlicheren“ Sinn-Bedürfnissen. Es ist völlig unnötig, einen solchen herbeizukonstruieren. – Das kann ich für meinen Teil sehr deutlich in meiner eigenen Coaching-Praxis erkennen, in der nahezu jeder Kunde alles einbringt, was eben gerade an Bedürfnissen in seinem Leben eine Rolle spielt. Und hier machen wir auch gar keinen Unterschied zwischen Bedürfnissen: Sie sind alle gleichermaßen wichtig, bzw. eben so wichtig, wie der Kunde sie gerade nehmen möchte. – Nur kann man dort eben auch sehen, dass es vielen Menschen im Berufsleben genau deswegen deutlich schlechter geht als es für sie möglich ist, weil sie bestimmte ihrer Bedürfnisse seit langer Zeit oder sogar immer schon stiefmütterlich behandeln. Und nach meinem Dafürhalten sollte ein guter Coach diese Kunden sie in dieser Haltung zumindest nicht auch noch bestärken und wenigstens darauf hinweisen, was er von außen hier wahrzunehmen glaubt. – Was der Kunde dann daraus macht, ist wiederum seine Sache, es ist schließlich sein Leben, das er auf eigene Gefahr, auf eigene Kosten und auf eigenen Genuss und eigene Freude hin lebt.

Dass alle Menschen ein Sinn-Bedürfnis haben und das die Beschäftigung mit diesem Bedürfnis viele andere, vordergründigere Probleme unmittelbar auflöst, die nur Folgeprobleme jener stiefmütterlichen Behandlung sind, halte ich für eine Realität. Dass das Sinn-Bedüfnis bei verschiedenen Menschen in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich stark ausgeprägt ist, ist für mich ebenfalls erkennbar. Aber es ist in jedem Fall einen Versuch wert, auch in diese Richtung zu fragen.

Und das gilt mehr noch in der Begleitung von Unternehmen als in der Begleitung von Einzelpersonen. – Denn Unternehmen sind von ihrem Potential her Sinnzusammenhänge, per se sinnvolle Sozialgefüge. Dieses per se Sinnvolle von Unternehmen geht aus zwei substantiellen Aspekten unternehmerischen Handelns hervor: Einmal daraus, dass wir in Unternehmen zusammen arbeiten, um erfolgreich zu sein („Kollegialität“). Und noch stärker daraus, dass wir dort zusammen arbeiten, um etwas hervorzubringen, dass für Andere von Nutzen ist, das Anderen Mehrwert bringt, das Probleme Anderer löst, das Bedürfnisse anderer Menschen befriedigt („Kundenorientierung“).

Ein Unternehmen ist also nur dann „sinnlos“ oder „seelenlos“, wenn es keinerlei Kunden hat oder die innere Verbindung zum eigenen Wunsch völlig verloren hat, den eigenen Kunden wirklich von Nutzen zu sein. – Was die Kollegialität angeht, scheint mir eine vielversprechende Stellschraube, einmal das Konzept der „Karriere“ zu hinterfragen, ob es wirklich so nutzbringend für Unternehmen wie Mitunternehmer ist, wie viele ganz selbstverständlich annehmen. Sollte man hier zu einem negativen Urteil kommen („es gibt bessere Wege für beide Seiten, ihre langfristige Beziehung zueinander zu gestalten“) würde dies auch bedeuten, dass Dienstleistungen aus dem Bereich „Karriereberatung“ sich erübrigen oder zumindest ihren inhaltlichen Fokus verändern müssten, um weiterhin nützlich zu sein und nachgefragt zu werden.

Aber das sind nach meinem Dafürhalten Zustände, die man erstmal grundsätzlich als auflösbar betrachten kann. – Um von dort aus zu sehen, WIE das im konkreten Fall, für ein konkretes Unternehmen möglich ist. Für mich bedeutet das nichts weniger als „prinzipielle Zuversicht“. Und die soll bekanntlich schon Berge versetzt haben… 😉

 

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