Enttäuschende Beziehungen

Das Einzige, was unsere Unternehmen und unser Wirtschaften menschlicher machen kann, sind erfüllte Beziehungen derjenigen Menschen, die „Unternehmen und Wirtschaft machen“.

Das Einzige, was einen Menschen so sehr berühren kann, dass er von sich aus beschließt, bestimmte seiner eingefleischten Gewohnheiten, Denk- und Verhaltensmuster zu ändern, sind empathische Verbindungen mit anderen.

Aber Beziehungen und Verbundenheit werden von uns auch als Gelegenheiten von Schmerz und Enttäuschung, Angst und Wut, Ohnmacht und Verletzung erlebt, so dass man kaum sagen kann, Beziehungen seien an sich ein Ort von Heilung und Veränderung zum Besseren.

Im ersten Empfinden, und im Denken, das aus diesem ersten Empfinden hervorgeht und sich dann manchmal verfestigt und in uns festsetzt und von dem wir uns von da an beherrschen lassen.

Es scheint von daher Aufmerksamkeit zu verdienen, wie wir denken, wenn wir von einer Beziehung enttäuscht werden. Welchem Gedankenvogel wir unmittelbar nach einer entäuschenden Beziehungserfahrung „in unserem Kopf ein Nest bauen“.

Was aber ist das eigentlich – „eine Enttäuschung“?

Das Wort scheint nahezulegen, dass wir uns vorher getäuscht haben, nun aber nicht mehr täuschen. – Eine naheliegende Interpretation könnte das so drehen, dass die Haltung, gutes zu erwarten und zu erhoffen (kurz: „Optimismus“ genannt), eben naiv ist, und derjenige, der durch die „Ent-Täuschung“ die Wahrheit kennen gelernt hat, nun die Dinge „realistischer“ sieht. Oder noch härter: Dass Pessimissmus und Realismus ein und dasselbe seien.

Nun gibt es Studien, die überzeugend zeigen, dass diese auf den ersten Blick plausible Sichtweise sich bei näherer Hinsicht nicht bestätigt. Mathieu Ricard beschreibt auf S. 306 f. des hier verlinkten Buches ein solches Experiment: 

„…Geht es um reale Alltagssituationen, ist der Ansatz des Optimisten tatsächlich wirklichkeitsnäher und pragmatischer. Zeigt man beispielsweise einer Gruppe von Kaffee trinkenden Frauen aus allen Bevölkerungsschichten einen Bericht über das mit Koffein verbundene Brustkrebsrisiko oder informiert man eine Gruppe von Sonnenbadenden darüber, dass längere Sonneneinstrahlung das Risiko von Hautkrebs erhöht, erinnern sich Optimisten eine Woche später genauer an Einzelheiten des Berichts als Pessimisten und haben ihr Verhalten häufiger dementsprechend geändert. Außerdem befassen sie sich aufmerksam und gezielt mit den Risiken, die sie tatsächlich betreffen, anstatt sich ständig unnötig über alles Mögliche Sorgen zu machen. So bleiben sie innerlich gelassener als die Pessimisten und sparen sich ihre Kräfte für echte Gefahrensituationen auf.“

Worin haben wir uns eigentlich getäuscht, wenn wir „von einer Beziehung enttäuscht werden“? – Im Grunde doch nur in unseren fixen Vorstellungen, wie die Dinge zu liegen haben. Wir haben versucht, der Welt, der Realität und damit auch der Freiheit des Anderen innerlich Vorschriften zu machen und sind nun eben enttäuscht, weil sich daran nicht gehalten wurde. – Nachvollziehbar, aber erwartbar frustrierend.

Das verschiebt die Frage dahin, ob und wie wir aufhören können, Erwartungen an unsere Beziehungen zu haben, die in der Folge über kurz oder lang enttäuscht werden MÜSSEN? Und das, ohne dass es ähnliche Erwartungen an uns selbst aufbaut, die ihrerseits enttäuscht werden müssen, weil sie erfordern, dass wir selbst übermenschlich heroisch werden, damit wir sie erfüllen können…

Ich denke, der Beginn einer weniger enttäuschten Daseinsweise kann darin bestehen, die Verantwortung für das eigene Wohlergehen radikal bei sich selbst zu sehen. Und nicht im Außen. D.h. weder in glücklichen Umständen und Zufällen, noch beim angeblich für das eigene Wohlergehen notwendige Verhalten von anderen. – Denn andere Menschen sind nicht dafür da, für uns da zu sein. Bzw. in gewisser Weise sind sie das schon, nur sind sie eben nicht dafür verantwortlich, dass es uns gut geht und wir haben keine Rechte an sie, dass sie sich uns gegenüber so verhalten, wie sie sich uns gegenüber eben verhalten. – Das Gute, das sie uns tun, ist ein Geschenk, wir bekommen es von ihnen freiwillig.

Das heißt auch nicht, dass wir andere nicht um Hilfe und Unterstützung bitten sollen. Im Gegenteil. Aber das Bitten liegt wieder in unserer Verantwortung. Und es ist nur dann ein Bitten, wenn es kein Fordern ist, d.h. wenn ein „Nein“ des Anderen von unserer Seite wirklich sanktionsfrei bleibt.

Und es heißt auch nicht, dass wir uns nicht über das Dasein Anderer und die Gaben, die wir von ihnen erhalten, freuen sollen. Im Gegenteil. Die Freude steigert sich ja noch ganz natürlich, wenn wir davon ausgehen, dass wir keine Rechte haben und es wirkliche Gaben sind.

Dennoch werden wir natürlich immer wieder enttäuscht werden. Weil Erwartungsbildung an andere zu unserer Natur gehört. Wir können das nicht ganz abstellen. Das wäre wahrscheinlich übermenschlich. Aber wir können unsere Erwartungen gezielt reduzieren. Und es scheint recht sicher, dass das die Qualität unserer Beziehungen deutlich erhöhen kann.

Und dann gibt es da ja auch noch die „produktive Reibung“ in Beziehungen. D.h. „Beziehungen“ sind Orte, an denen wir unsere blinden Flecken und unsere Fixierungen und Einseitigkeiten und Verbohrtheiten gespiegelt bekommen. Und „produktiv enttäuscht“ werden. Beziehungen sind mehr als alles andere in der Lage, uns dabei zu unterstützen, über bestimmte ungute Muster, an die wir uns allzusehr gewöhnt haben, hinweg zu kommen. Weil Beziehungen eine unmittelbare Kraft haben, die so groß ist, dass wir sogar noch im Moment des Trotzes und der Enttäuschung merken, dass vielleicht wir selbst etwas ändern müssen und können, damit es uns selbst besser geht. – Vor allem emotional intensive, auf langfristigkeit angelegte Beziehungen haben hier ein großes Potential.

Denn wir sind nur selten bereit, uns wirklich zu hinterfragen. Aber für eine gute Beziehung tun wir es manchmal. – Auch im wirtschaftlichen Kontext.

Von daher könnte man sich vielleicht sogar „noch mehr enttäuschende Beziehungen“ wünschen…

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