Dem Flurfunk neue Wege bahnen / Mehr Effizienz und betriebswirtschaftlichen Erfolg durch gezielte personelle Ineffizienzen

Vor ein paar Tagen durfte ich eine Change Managerin kennen lernen, die sehr erfolgreiche etwas Ähnliches praktiziert wie das, was ich „Management by asking around“ genannt habe: https://www.xing.com/net/qualitativemarktwirtschaft/fact-follows-fiction-was-gibt-es-heute-noch-nicht-in-unternehmen-sollte-es-aber-geben-711193/management-by-asking-around-42584366/

Sie unterhält sich ohne Agenda und ohne bestimmte Ziele mit verschiedenen Personen aller Ebenen im Unternehmen und stellt Fragen. Gerade durch diese „Lockerheit“ kommen Dinge zum Vorschein, trauen sich die betreffenden Mit-Unternehmer, ihr ihr Wissen mitzuteilen. – Mit Erlaubnis ihrer Gesprächspartner teilt sie dann das so „gehobene Wissen“ mit anderen Mit-Unternehmern im Unternehmen, von denen sie den Eindruck hat, dass die das gut brauchen könnten.

Sie bringt also das Unternehmen neu und anders ins Gespräch mit sich selbst.

Mir gefällt die Arbeit, die diese Change Managerin leistet. Ich halte sie sozusagen für „optimal“ für einen Change Agent.

Was mir vorschwebt und was mich beschäftigt, ist, wie man die Notwendigkeit für einen externen / internen Change Manager, der genau so agiert, dauerhaft überflüssig machen kann. Also: Wie man genau dieses „Mit-sich-selbst-auf-eine-gute-Art-im-Gespräch-sein“ eines Unternehms auf Dauer stellen und SYSTEMISCH verankern kann (anstatt PERSONELL: durch das Engagement eines externen Change Managers oder durch das Einrichten einer internen „Stabsstelle“).

Eine Lösung für dieses „Problem“, das Problem, wie ein Unternehmen auf gute Art mit sich selbst im Gespräch sein kann (und damit alle seine vorhandenen Wissensressourcen nutzt) erscheint mir äußerst naheliegend:

Die Mitarbeiter müssen direkt MITEINANDER genauso locker und ungezwungen sprechen können, wie sie das mit der besagten Change Managerin tun: Ohne Agenda, ohne Topic, ohne Problem, ohne Ziel.

Früher hatte man dazu die Kaffeeküchen oder ähnliches, heute passiert das noch immer und in allen Unternehmen in der Form von „Flurfunk“ (der aber auch in vielen Unternehmen verseucht ist mit Politik und Hidden Agendas, aufgrund der generellen Misstrauenskultur und fehlenden Offenheit in diesen Unternehmen).

Was also braucht es, damit dieser Austausch nicht mehr „über Bande“ mit einem Change Manager läuft, damit kein „kommunikative Dreieck“ entsteht, in dem einer zwischen Zweien, die eigentlich besser direkt miteinander reden sollten, vermittelt?
Und ohne, dass die Kommunikation in ihrer Qualität dabei leidet!?

Aus meiner Sicht braucht es dazu genau 2 Dinge – die derzeit noch in vielen Unternehmen fehlen:

1.) Das Unproblematischere: Es braucht RAUM bzw. RÄUME dafür. Und das im ganz wörtlichen, buchstäblichen Sinne.

Das können die Ausweitungen / Wiedereinführungen von Kaffeeküchen sein. Das können eigens dafür eingerichtete Räume sein, in denen man sich ganz natürlich, zwanglos im Unternehmen über den Weg läuft, wo man aber auch Möglichkeiten zum Verweilen findet und für ein Gespräch unter 4-Augen, wenn das grade erstmal besser ist, etc.

Das können virtuelle Räume sein, also ein smart gestricktes Intranet, wo man sich nochmal quer zu den Leuten die man in „real life“ um sich hat, zwanglos begegnen kann (wobei sich das Präsenz-Gespräch nach meiner umfassenden Erfahrung mit virtuellen Lösungen niemals wirklich ersetzen lässt! – Da werden einige Unternehmen noch viel lernen müssen, die grade voll auf rein virtuelle Gespräche zwischen den Mit-Unternehmern setzen… ;-))

Wie auch immer das im einzelnen Unternehmen gut möglich / gut einrichtbar ist – denn jedes Unternehmen hat hier ganz andere Möglichkeiten: Wichtig ist immer die Zwanglosigkeit der Begegnung, und dass es absichtslos geschehen kann, dass man in seinem Arbetisalltag regelmäßig (mehrmals pro Tag) Menschen / Mit-Unternehmern begegnet und sich mit ihnen unterhält „aus reinem Spaß an der Freud“, ohne dass man grade irgendwas „mit ihnen zu schaffen hat“. – Auf diese Weise kann ein Unternehmen seinen Wissensfluss auf wenig kostspielige Weise ganz natürlich in Gang halten – ohne weitere „Maßnahmen“ und „Programme“ und „Policies“.

Zugleich wird das gestärkt, was man manchmal „Cohesion“ (Zusammenhalt) nennt, und zwar der Zusammenhalt des Gesamtunternehmens, also ALLER Mit-Unternehmer, nicht nur der Zusammenhalt „eines Teams“. Aktuelle Studien weisen nach, dass man Menschen, mit denen man regelmäßig in einem Raum ist, selbst, wenn man nicht mit ihnen spricht und sie nicht sprechen hört, von uns signifikant positiver / freundlicher eingeschätzt werden als Menschen, die wir seltener sehen. – Ich kenne nicht die Begründung, warum das so ist (hat vermutlich was mit unseren Spiegelneuronen und unseren Hormonen zu tun ;-)), ich weiß nur, dass es so ist.
Wer also will, dass es einen echten Zusammenhalt im Unternehmen gibt, sollte dafür sorgen, dass sich die Co-Worker regelmäßig zwanglos und unkompliziert ganz real über den Weg laufen. Und ja: Auch einen Plausch haben können. Ganz ohne Grund.

Das schreit für mich nach innovativen räumlichen Lösungen…

Es schreit aber noch mehr nach dem
2.) Punkt, der genauso notwendig und der für viele deutlich schwerer „einzurichten“ ist: Es braucht ZEIT und ZEITEN dafür, dass sich die Mit-Unternehmer überhaupt ohne Druck und ohne dringliches Thema, ohne „To-Do“ miteinander unterhalten können.

Daran hapert’s noch viel mehr. Und es macht keinen Sinn, die oben skizzierten Räume in einem Unternehmen einzuführen, wenn den Mit-Unternehmern systemisch die Zeit dafür fehlt, dass sie diese Räume dann auch in der beschriebenen Weise nutzen können und wollen. – Das wäre Geldverschwendung.

Denn wenn alle immer busy, busy, busy sind, wenn alles immer dringlich, „besser gestern als heute“ ist, wenn spontan auftretende To-Dos grundsätzlich „on Top“ kommen, obendrauf auf den „workload“, unter dem man ohnehin schon ächzt, wenn also niemals zugleich nach der notwenidigen Entlastung und Aufgabenneuverteilung gefragt wird…

…dann wird kein verantwortungsvoller Mit-Unternehmer sich die Zeit für ein zwangloses Gespäch mit einem anderen Mit-Unternehmer nehmen. Er wird sich nur „gezielt“ unterhalten, eben wenn es ein To-Do gibt.

Darunter leidet nicht nur die Unternehmenskultur. Darunter leidet der im Unternehmen notwendige ständige Austausch von Wissen, der „natürliche Wissens-Fluss“.

Das kriegt man auch nicht durch „Gegen-Massnahmen“ eingefangen. Das einzige was hier wirklich effektiv ist, ist das, was kaum ein Unternehmen wagt, weil es gezielte Ineffizienz ist. Und in Unternehmen geht es (aus guten Gründen: Wettbewerb, Kostendruck, etc.) IMMER um MAXIMALE EFFIZIENZ. Daher wird ständig an der Zeitschraube gedreht. D.h. die Mit-Unternehmer sollen immer MEHR Aufgaben immer BESSER in WENIGER Zeit erledigen. An diesem Ziel ist aus meiner Sicht auch erst mal nichts falsches, es ist das Prinzip unserer Marktwirtschaft und das KÖNNTE für Innovationen sorgen.

Wird dieses MEHR und BESSER aber so missverstanden, dass sich die Mit-Unternehmer einfach nur mehr anstrengen, mehr rödeln, mehr schultern und mehr buckeln sollen, dann hat man als Unternehmer das Prinzip wirtschaftlicher Innovationen ganz radikal verfehlt. Auf gut Deutsch: Man weiß dann nicht, worum es in der Wirtschaft eigentlich geht, egal wie viel wirtschaftliche Erfahrung man hat und egal wie viel BWL man im Kopf hat. Man hat dann keinen Fokus auf Innovation, sondern auf „Mehr vom Selben“. (Genauer führe ich den Gegensatz zwischen wirtschaftlicher Innovation und „Mehr vom Selben“ hier aus: https://www.xing.com/net/qualitativemarktwirtschaft/fact-follows-fiction-was-gibt-es-heute-noch-nicht-in-unternehmen-sollte-es-aber-geben-711193/personal-uberschuss-mit-vorsatz-geschaffen-42624023/42624023/#42624023).

Die einzig sinnvolle Maßnahme ist hier: Mehr Effizienz durch gezielte Ineffizienzen (also ein paradoxes, kontra-intuitives Handeln). Man schraubt nicht mehr weiter an der Zeitdruckschraube, sondern lockert sie bewusst. Zugleich schafft man Räume für die lockeren, ziellosen Begegnungen und Gespräche, die sich im Grunde alle im Unternehmen wünschen, weil sie ganz einfach einer „artgerechten Haltung von Menschen in Unternehmen“ entgegenkommen.

Was bekomme ich dadurch, wenn ich als Unternehmen hier ins Risiko gehe und nicht so viel Druck mache und nicht so „effizient“ aufgestellt bin wie meine Mit-Bewerber? – Denn das kann ja auch aus guten Gründen Angst machen!

Ich bekomme auf ganz natürliche Art:
* Permanente Innovationen
* Natürliche, nicht aufgebauschte Konfliktlösungen
* Auf natürliche Art „Transparenz“ im Unternehmen, ohne Policies und Tools
* Eine Mannschaft, die eine eingeschworene Gemeinschaft darstellt und die Chancen hat, wirklich „an einem Strang zu ziehen“
* Innovative Personallösungen, die der natürlichen Tendenz zur Fehl-Allokation personeller Ressourcen entgegenwirkt. Soll heißen: Die Mit-Unternehmerr wissen untereinander weitaus besser als in anderen Unternehmen, was der andere so macht, könenn daher besser einschätzen, welche Aufgaben sie in Zukunft gerne mal übernehmen würden und entwickeln sich daher auf natürliche, nicht-gesteuerte Weise in die richtige Richtung für das Unternehmen: In eine sich immer wieder neu herstellende „Passung“ zwischen individuellem Potential (das sich ja ständig verändert) und konkreten Aufgaben (die sich in heutigen Unternehmen auch nicht zu selten verändern).

Das ist aus meiner Sicht eine ganze Menge. Genug, um hier ins unternehmerische Risiko zu gehen.

Daher: Nehmt Euren Leuten Aufgaben von den Schultern und stellt neue Leute ein. Solange, bis eine „entspannte Atmosphäre“ entsteht.

Das ist natürlich ein Horror für den american spirit und alle, die ihre Leistungstreiber nicht gezielt einsetzen können, sondern stattdessen unbewusst von ihnen geritten werden und sich dadurch fest im Griff ihrer Antreiber befinden: http://www.ipersonic.de/blog_files/Kennst-du-deine-inneren-Antreiber.html oder hier: http://karriereblog.svenja-hofert.de/2012/02/5-mal-treib-stoff-%E2%80%93-und-was-treibt-denn-sie/ (Das Konzept stammt aus der Transaktionsanalyse, die besten Mittel, um im „Auto, das man selber ist“ nicht nur das Gaspedal bedienen zu können, sondern auch die Bremse sind „die 5 Erlaubnisse“: http://www.ipersonic.de/blog_files/So-zaehmst-du-deine-inneren-Antreiber.html bzw. hier: http://www.persoenlichkeits-blog.de/article/60/coaching-fuer-ihre-inneren-antreiber)

Über diesen Horror müssen Unternehmer hinwegkommen, wenn sie es wagen wollen, sich wechselseitig „Zeiten für ziellose Pläusche, wie es eben kommt“ einzuräumen. Echte Zeit, die sich natürlich ergibt, keine Imperative nach der Devise: „Unterhalten Euch mal mehr miteinander! – Ich hab gehört, dass ist gut für unser Unternehmen. Also unterhaltet Euch gefälligst mehr! Und zwar ziellos!“

Das ist nämlich das, was in schlechten Unternehmen passieren könnte, wenn man dort über die Produktivität von Wissensaustausch auf Augenhöhe spricht… 😉

[Dieser Artikel ist eine leicht bearbeitete Fassung eines Beitrags, der erstmals am 28.11.2012 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen ist.]

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