Pure business fiction: Eine kleine Theorie des guten Unternehmertums – Wie es in Zukunft in unseren Unternehmen aussehen wird…

Das Erste ist schon mal: Wir wissen alle genau, warum wir hier, in DIESEM Unternehmen sind. Wir haben ein Gefühl für unser HIER und nicht woanders. Wir können unmittelbar spüren, was es uns gibt, hier dabei zu sein. Und wir können genauso unmittelbar spüren, was wir selber hier geben, was unser Beitrag ist, warum es uns hier gerade braucht.

Und das Zweite ist: Wir sehen uns dabei alle als reich, als Pakete voller Ressourcen unterschiedlichster Art, wahre Schatztruhen, als Bündel von großartigen, irisierenden, weil sich immer wieder verändernden Fähigkeiten und Eigenschaften. Fülle eben. Dynamische Fülle. Nicht festgelegt und ganz zugleich. Als „perfekt“. Und zwar MIT allen uns unseren Macken und Begrenzungen. Ja, perfekt gerade durch unsere „Fehler“ und wegen ihnen.

Was uns hier her, zur Beteiligung an DIESEM Unternehmen gebracht hat, sind Fragen wie die Folgenden: Wo bin ich als „absolut perfektes Paket, genau so, wie ich im Moment einfach bin“ gut aufgehoben? Wem will ich dieses aktuelle Paket, das ich bin, am liebsten in die Hand drücken? Wozu will ich mit meinen Ressourcen: Fähigkeiten, Ideen, Erfahrungen beitragen? Was macht mir am meisten Freude? Was will ich wachsen sehen? Wozu in der Welt will ich beitragen?

Durch DIESE Fragen haben wir hierher und zusammen gefunden. In einem Unternehmen, das wir als gemeinsames Projekt sehen, weil wir nur gemeinsam dazu beitragen können, dass in die Welt kommt, was wir alle gleichermaßen verwirklicht sehen wollen. Wir haben eine gemeinsame Mission, eine „shared vision“. Wir sehen die gleichen Kunden vor Augen, für die unser gemeinsames Wirken in diesem Unternehmen eine Lösung eines ihrer Probleme darstellt oder einen Beitrag zur Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Daran arbeiten wir, auch daran, sich noch bessere Lösungen für dieses Problem auszudenken, sie zu realisieren und sie möglichst vielen Kunden zugänglich zu machen. Nicht, weil wir „maximalen Profit“ rausholen wollen. Sondern weil wir von dem, was wir tun, überzeugt sind. Wir machen daher ein Angebot, wir pressen unsere Produkte und Dienstleistungen nicht mit tausend extrinsischen Kaufanreizen und anderen Schleifchen bestückt „in den Markt“. Wir machen aber auch keinen Hehl daraus, dass wir die Qualität unserer Arbeit für gut halten, wir stellen unser Licht nicht unter den Scheffel. Genauso wenig verhehlen und vertuschen wir, wenn wir einen Fehler gemacht haben, wenn unser Produkt einen Mangel hat oder ähnliches. Die Kunden schätzen das. Und sie schätzen uns: Weil wir wirklich verlässlich sind, weil man als Kunde weiß, woran man mit uns ist, weil das Wort „Kundennutzen“ für uns nicht nur ein schönes Marketing-Klingel-Spiel ist, sondern Teil unserer gemeinsamen Mission: Eben der Grund, warum wir überhaupt hier sind, überhaupt für DIESES Unternehmen arbeiten – und nicht für ein anderes, gutes Unternehmen.

Weil wir eine gemeinsame Mission haben, brauchen wir in unserem Unternehmen keinen Chef, der uns antreibt, motiviert oder einbremst oder auch nur „koordiniert“. Das können wir alles selber, machen das alles untereinander aus. Wenn es mal richtig heiß wird, Interessenskonflikte oder Meinungsverschiedenheiten hochschwappen benennen wir einen von uns als Moderator und klären das schnell und mit Blick auf die Sache. Vielleicht holen wir uns manchmal auch einen externen Moderationsprofi, von dem wir aber keinen Input erwarten, sondern eben nur die Strukturierung unseres Gesprächs mit uns selbst. Wenn Konflikte zu häufig werden, machen wir uns Gedanken darüber, ob wir unsere geteilte Mission anpassen, weiterentwickeln oder modifizieren müssen. Oder ob es besser ist, vielleicht getrennte Wege zu gehen und verschiedene Unternehmen zu haben. Dies alles geschieht mit Blick auf die geteilte Mission, in unverbrüchlicher Wertschätzung für die Menschen, mit denen wir zusammen arbeiten. Denn wir wissen, dass wir sie brauchen, um zu realisieren, was wir realisieren wollen. Mehr noch: Wir wissen, dass wir einander in „einem guten Zustand“ brauchen. Daher passen wir auch aufeinander auf. Nicht übergriffig und herablassend (Eltern-Kind), sondern wie Brüder und Schwestern aufeinander aufpassen, wenn sie eine gute Beziehung haben. Über unser gemeinsames Schaffen an einem „Werk“ lernen wir uns auch über das rein funktionale als Menschen schätzen. Wir haben keinen Grund, den anderen klein zu machen oder sonstwie zu demütigen. Wir haben den Raum, bei der Arbeit auf die Gesamtheit unserer Bedürfnisse zu achten und sind aus diesem Grund „meistens gut drauf“. Menschen, denen es gut geht und bei denen das Gesamtspektrum ihrer Bedürfnisse bedient ist, deren „Gesamt-Bedürfnis-Niveau“ gesättigt ist, können mit Konflikten und Problemen gelassen umgehen. Sie sind zuversichtlich, weil es ihnen gut geht.

Wir haben vielleicht noch so etwas wie einen Geschäftsführer – aber auch das nur, weil äußere Institutionen so etwas erwarten und wir sie nicht vor den Kopf stoßen wollen. Wir verstehen uns alle als „Spezialisten auf Zeit für einen bestimmten Aufgabenbereich“. Wir tragen in unseren Augen alle GLEICHERMASSEN dazu bei, dass Realität wird, was wir gemeinsam vor Augen habne. Da wir alle jeden einzelnen von uns brauchen, um realisieren zu können, was wir realisieren wollen, hat kein einziger von uns ein Problem damit, dass wir alle den gleichen Stundenlohn verdienen. Gehaltsunterschiede gibt es nur insofern, als der eine – aus kontingenten Gründen – gerne 20 Stunden pro Woche in unser gemeinsames Unternehmen einbringen will, eine anderer 40, ein anderer für eine begrenzte Zeit 60 Stunden pro Woche. Nicht, weil er das Geld so liebt und „maximal abschöpfen“ will, sondern weil er so viel Erfüllung in der Tätigkeit für unser Unternehmen findet, weil er das Gefühl hat, gerade sehr viel geben zu können, ohne dass er damit seinen anderen Bedürfnissen in den Hintern tritt. Die Höhe des derzeitigen Stundenlohns passen wir gemeinsam flexibel an. Er ist jederzeit änderbar und wird grundsätzlich im Konsens angepasst. Auch hier gibt es keine Probleme: Keiner will das Gesamte durch seinen Egoismus gefährden, dazu ist es ihm zu wichtig. Alle kennen alle zahlen, es herrscht absolute Transparenz darüber, wo wir Businessmäßig gerade stehen. Wenn jemand einfach mehr Geld braucht für seinen persönlichen Bedarf als dieses Unternehmen derzeit abwerfen kann, dann geht er einfach – zum nächsten guten Unternehmen. Er geht ohne Zorn und Verbitterung, aber mit Trauer über den Verlust von etwas, was ihm wichitg ist. Er trifft eine erwachsene Entscheidung darüber, dass ihm derzeit etwas anderes noch wichtiger ist. Daher ist seine Trennung von unserem Unternehmen selbstbestimmt.

Auch Aufgabenveränderungen können wir in unserem Unternehmen selbstbestimmt und im Konsens gestalten. Unser Unternehmen ist dynamisch. Unsere Interessen sind es auch. Da wir alle das gleiche verdienen (pro Stunde), und jede Aufgabe, die getan werden muss, für gleich wichtig halten, damit unser Unternehmen erfolg haben kann, gibt es keinen anderen Anreiz, eine Aufgabe zu machen als den, dass wir Lust auf diese Aufgabe haben, weil wir uns neu ausprobieren, neu erfinden wollen. Wir lassen einander auch diesen Raum für das Sich-erproben und bauen einander auch Exit-Optionen für den Fall, dass einer von uns feststellt, dass ihm eine neu übernommene Aufgabe doch weniger liegt, als er im Vorfeld gedacht hatte. Dadurch, durch die Minimierung des persönlichen Risikos, fördern wir eine experimentierfreudige, wagemutige, erfinderische Einstellung beieinander.

Generell gibt es in unserem Unternehmen Raum für das Gesamtspektrum menschlicher Gefühle. Niemand muss irgend etwas unterdrücken, „damit es funktioniert“. Das ist möglich, weil wir wissen, dass wir einander vertrauen können. Wir können einander vertrauen, weil wir freiwillig an der gleichen Sache arbeiten. Wir haben frei gewählt, hier zu sein, und miteinander zu arbeiten. Weil wir wissen, dass wir im Grunde reich sind: Reich beschenkt vom Leben, reich beschenkt von anderen Menschen, die täglich 99% dessen erwirtschaften, was wir zum Leben brauchen. Wir haben uns entschieden, unseren persönlichen Reichtum in DIESES Unternehmen zu tragen, uns DARAN zu beteiligen. Wir sehen uns selbst als Investoren.

…wie im Titel angedeutet: Pure business fiction. Ich persönlich bin aber überzeugt davon, dass die Realität in vielen Unternehmen in ein paar Jahren ganz genau so aussehen wird.

P.S.  Und noch ein Hinweis, warum „Management“ generell gutem Unternehmertum, wie ich es oben skizziert habe, im Weg steht:

http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/a-865990.html

Es gab nicht immer „Manager“ in Unternehmen und es wird nicht für immer „Manager“ in Unternehmen geben.

Viele der Aufgaben heutiger Manager erübrigen sich in einer guten Kultur von ganz allein.

Das wirklich für ein gut zusammen arbeitendes Unternehmen Notwendige, was dann noch vom alten „Management“ übrig bleibt, besteht in sehr konkreten Aufgaben, die von den immer gleichen oder von wechselnden Mitarbeitern übernommen werden können. Dazu gehören auch Hinweise auf bestimmte mögliche (!) zukünftige Entwicklungen in der relevanten Umwelt des Unternehmens, die auf ihre anderen Aufgaben fokussierte Mitarbeiter schlecht dauernd im Blick behalten können. Es sind aber eben nur Hinweise / Informationen, die den anderen Mitarbeitern, „die den eigentlichen Job machen“, in geeigneter Form zugänglich gemacht und vorgelegt werden müssen, so dass dann SIE entscheiden, ob es überhaupt Handlungsbedarf gibt und wenn ja, wie man gemeinsam darauf reagieren will.

Viele Hinweise auf zukünftige Entwicklungen in der Unternehmensumwelt, die ein Unternehmen im Blick haben sollte, werden übrigens ebenfalls „von einfachen Mitarbeitern“ am schnellsten und genauesten gesehen. D.h. auch diese Aufgabe ist sehr begrenzt und nur in ganz bestimmten Teilen nicht mit den normalen, auch sonst notwendigen Arbeitsprozessen verbunden. Nur diese nicht-verbundenen Teile bedürfen einer „Sonderaufgabe“, die in „besonderer Beobachtung“ besteht. Sie bedürfen aber eben nicht zwingend einer eigenen „Rolle“ im Unternehmen, die dauerhaft von den gleichen Menschen ausgefüllt wird.

[Dieser Artikel ist die leicht überarbeitete Version von Beiträgen, die zwischen dem 24.10.2012 und dem 08.11.2012 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen sind.]

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