Professionalität – und ihr systematisches Verlernen

Warum sollten und können wir die vielgeschätzte Professionaltät systematisch verlernen?

Ich spreche hier natürlich von „Professionalität“ in einem ganz bestimmten Sinn: Ich meine den Imperativ, den wir uns auferlegen, demzufolge wir einen Teil von uns „zu Hause lassen sollten, wenn wir unseren Job machen“.

Es gilt vielen als „professionell“, Kunden und Kollegen nicht mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu belästigen. – In den Staaten ist dieser Imperativ noch stärker als bei uns, was man schnell merkt, wenn man ihm einmal nicht nachkommt…

Zugleich greifen Arbeitswelt und Privatwelt immer stärker ineinander, durch Home-Office-Regelungen, durch die stärkere Vermischung von Arbeitszeit und Nicht-Arbeitszeit, durch working from whereever you are, durch „bring your own device“ und so weiter und so fort.

Zugleich brauchen wir immer mehr „den ganzen Menschen“ bei seiner Arbeit, der für sich selber Zugriff hat auf alle seine Seiten und alle seine Fähigkeiten und Ressourcen. Bitte nicht falsch verstehen: Ich rede hier NICHT der Arbeitswelt das Wort, die wir aus dem phantastischen Doku-Film „Work hard, play hard“ kennen. In dieser Doku sehen wir nicht die neue Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts, sondern die letzten Nachwehen und angestrengt-verzweifelten Verrenkungen der Arbeitswelt des 20. Jahrhunderts, die sich nicht in ihren Tod fügen will…

Wir brauchen „den ganzen Menschen“ auch deswegen „bei seiner Arbeit“, weil nur er uns Auskunft geben kann darüber, was er wirklich will und wirklich braucht. Kann er das nicht und wird von seinem Arbeitsumfeld systemisch dazu gezwungen, seine Wünsche und Bedürfnisse in sein Unbewusstes zu verschieben, dann kommt es unkontrolliert und eruptiv zum Vorschein. Solche Arbeitswelten STÖREN systematisch das Selbstmanagement von Menschen. Sie können sich dann weder selbst „steuern“, noch Auskunft geben darüber, was sie wirklich wollen, können und brauchen. Weil ihnen die Arbeitsumwelt den Zugang zu sich selbst systematisch verschließt.
Auf diese Weise haben wir in der Vergangenheit reihenweise Arbeits-Zombies generiert.

Hochprofessionelle Arbeitszombies.

Ich kann es auch in der Sprache der Transaktionsanalyse sagen: Was wir in den Unternehmen der Zukunft häufiger brauchen werden, ist der Ich-Zustand des „Natürlichen Kinds“. Nur in diesem Zustand haben wir vollen Zugriff auf unsere Neugier und unsere Kreativität. Nur in diesem Zustand kommen ganz leicht wirklich neue Lösungen zu Stande – die so viele Unternehmen dringen brauchen und durch viel viel Investment zu erzwingen versuchen…

Wer aber das natürliche Kind seiner Mitarbeiter will, der muss ihm ECHTEN Raum geben. Denn das natürliche Kind weiß – aus der realen Kindheit – sehr genau, wann es diesen Raum hat und wann nicht. Bekommt es Schein-Räume, zeigt es sich nicht. Dann zeigen sich die Ich-Zustände des „Rebellischen Kinds“ und des „Angepassten Kinds“. Beide nutzen Unternehmen weitaus weniger…

Was bleibt von „Professionalität“, wenn man Gefühlen und Bedürfnissen in Unternehmen mehr, sehr viel mehr Raum gibt?

In meinen Augen vor allem eins: Verbindlichkeit. Dass ich zu meinem Wort stehe und Abmachungen einhalte. Und wenn ich merke, dass ich sie nicht einhalten kann, dass ich dies zeitnah und völlig offen kommuniziere. Weil mir das Vertrauen meiner Kunden, meiner Kooperationspartner und meiner Kollegen wichtig ist.

— Dies ist aber ebenfalls kein spezifisch „berufliches Verhalten“, sondern ein Verhalten, das die meisten von uns im privaten Bereich sogar noch viel mehr erwarten als im Beruf.

Das ist der Grund, warum wir heute keine „Professionalität“ mehr brauchen und die Unterscheidung zweier „Seinszustände“ – einer privat, einer beruflich – völlig unpassend geworden ist.

Wir sollten uns entschieden ein „unprofessionelles Verhalten“ angewöhnen und Menschen, mit denen wir beruflich Kontakt haben, dazu ermutigen, sich ihrerseits uns gegenüber „unprofessionell“ zu zeigen – Ermutigend für Andere sind wir hier, wenn wir es nicht negativ bewerten, wenn sie uns mehr von sich zeigen als es die funktionale Interaktion zwischen uns gerade erfordert. Wenn unser Kontakt lockerer und „sinnlos persönlich“ wird.

Unprofessionalität ist zum Vorteil aller. Und macht deutlich mehr Spaß… 😉

[Dieser Artikel ist die leicht gekürzte Version eines Beitrags der erstmals am 06.11.2012 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen ist.]

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