Firmenerben, die das Unternehmen ihrer Eltern aus dem einzigen Grund verkaufen, dass sie dieses Unternehmen nicht lieben

Folgender Artikel ist die ünüberarbeitet übernommene Version eines Beitrags, der erstmals am 23.10.2012 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft auf Xing erschienen ist:

Warum tun sich die Erben von Familienunternehmen überhaupt so schwer, sich mit Begeisterung in das Geschäft ihrer Eltern / Vorfahren zu stürzen?

M.E. spielt hier ein sehr ehrenwerter und sehr menschlicher Grund eine Rolle, an dem an sich nicht das Geringste verkehrt ist: Das Unternehmen ist eben das „Baby“ des Papas, des Großpapas oder der Mama oder der Großmama. Es ist ihr „Herzblut“ oder eben „Ihr Ding“. Es ist immer und überall schwierig, die ureigenste Sache / Erzeugung eines anderen zu der eigenen Sache zu machen. Das macht wenig Spaß, ist mühevoll und selbst wenn man es mit der „Ich mach es noch besser und mehre die Geschäfte“-Energie angeht (also Ehrgeiz-Motivation), steht man ex negativo immer im Schatten der früheren und zum Vergleichen. Das macht keinen Spaß. Und der Grund dafür ist m.E.: Das eigene Ding, die eigenen Dinge kommen dabei zu kurz und nagen an einem und sorgen – auch wieder völlig zu Recht – für Unzufriedenheit, ganz gleich wie erfolgreich man das Unternehmen der Familie weiterführt.

Ich nehme mal eine Analogie aus einem ganz anderen Bereich als dem der Wirtschaft, um zu verdeutlichen, worum es mir hierbei geht:

Der berühmte französische Tennisspieler Yannick Noah hat einen Sohn (Joakim Noah), der Basketballprofi in der stärksten Liga der Welt ist, der us-amerikanischen NBA. Der Vater von Yannick Noah (Zacharie Noah) war seinerseits Profifußballer und gewann als solcher 1961 den Coupe de France. Die Frage ist: Hätte Yannick Noah jemals den Sport seines Vaters so lieben können wie das Tennis? Und hätte sein Sohn das Tennis jemals so lieben können wie heute den Basketballsport?
(Ich danke meinem Nachbarn Cyrille für das schöne Beispiel! – Mehr zu „Yannick Noah & familiy“ findet sich hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Yannick_Noah)

Ich rate daher Firmenerben, die sich in der Lage wiederfinden, Eigner eines Unternehmens zu sein, dass sie nicht lieben und mit dem sie im Grunde nichts anfangen können:
1.) Sich über die vermeintlichen familiären Verpflichtungen hinwegzusetzen und dieses ererbte Unternehmen zu verkaufen – und zwar in liebendere Hände als es die eigenen jemals sein werden und sein können.
2.) Mit dem daruch erlösten (im wahrsten Sinde des Wortes) und frei gewordenen Kapital IHR EIGENES, ANDERES DING DURCHZUZIEHEN und ein Unternehmen eigener Wahl aufzubauen. Also mit anderen Worten: Völlig neue und eigene Fußstapfen auf dieser Welt zu hinterlassen. Dies kann und wird im Idealfall in großer Dankbarkeit gegenüber den eigenen Eltern / Vorfahren / Familie geschehen. Denn es ist ja ihr Erbe, das sie in die Lage versetzt, heute zu tun, was sie heute tun wollen.

Ein solcher Firmenverkauf folgt einem höheren Recht und – wenn man spirituell denkt – „einer höheren Harmonie“ als die Verpflichtung (die noch aus dem bäuerlichen Wirtschaftsrecht kommt), „das Erbe zu wahren und nicht in fremde Hände zu geben“. Dieses bäuerliche, informelle Recht („Sitte) ist heute nicht mehr zeitgemäß und geradezu fatal, wenn es auf heutige Unternehmen angewandt wird.
Denn ein solcher Verkauf nutzt ALLEN Seiten, während ein Nicht-Verkauf allen Seiten (Stakeholdern) des Unternehmens schadet:

* DAS UNTERNEHMEN profitiert vom Verkauf, weil es in die Hände von jemandem kommt., der etwas damit anfangen will und kann, m.a.W.: der das Unternehmen genauso stark, aber auf andere Weise „liebt“, wie der Unternehmensgründer, der das Unternehmen ins Leben gerufen, gehegt und gepflegt hat und dazu beitrug, dass „es gewachsen und gediehen ist“.

* DER VERKÄUFER, DER FIRMENERBE profitiert von so einem Verkauf, weil er damit den „Beruf Sohn / Tochter“ aufgibt, in dem er immer ungeliebt und unbeliebt sein wird, weil er nicht produktiv ist. Stattdessen erlebt er, wie es ist, etwas Eigenes zu machen, völlig ohne direkte Verpfllichtung der Familie gegenüber. Die Verpflichtung ist damit aber nicht weg: Sie wandert nur auf eine höhere, prinzipiellere Ebene, auf der sie deutlich besser aufgehoben ist: Bei diesem Aufbau „von was Eigenem“ wird der ehemalige Firmenerbe, heutige Unternehmer seiner selbst sich ganz selbstverständlich der Erfahrungen seiner Eltern bedienen – im Guten wie im Schlechten. Das tolle und florierende Unternehmen dm drogeriemarkt wäre nie in dieser Form ins Leben gekommen, hätte sich nicht im Leben von Götz Werner genau so etwas abgespielt: http://www.zeit.de/2012/29/Rettung-Goetz-Werner/seite-1

* DIE MITARBEITER UND KUNDEN DES ERERBTEN UNTERNEHMENS profitieren von so einem Verkauf – denn es wird ein ganz neuer, frischer Geist im Unternehmen möglich. Ganz einfach deshalb, weil es jetzt wieder (!) jemandem gehört, der Besitzer dieses Unternehmens sein will – und zwar von Herzen gern, wenn es eben an den / die richtigen verkauft wurde.

* Und nicht zuletzt profitiert das NEUE, EIGENE UNTERNEHMEN davon. Ein Unternehmen, das es ohne einen solchen Verkauf des ererbten Unternehmens niemals geben würde (das „ungezeugt und ungeboren bleibt“), weil eben das Kapital und mit ihm die Produktivkräfte und Ideen des ehemaligen Erben und heutigen Unternehmers gebunden geblieben wären. – Es ist im Grunde wie in einer Zwangsheirat, die eine Liebesheirat unmöglich macht, weil „man eben schon verheiratet ist“. – Und mit diesem durch den Verkauf erst möglichen neuen Unternehmen profitieren natürlich dessen Mitarbeiter und Kunden davon, denn auch sie kämen nicht in den Genuss dieses Neuen, wenn der Erbe nicht bereit gewesen wäre das ungeliebte Ererbte loszulassen und in andere Hände zu geben.

Niemand würde auf die Idee kommen, dass ein Kind wachsen und gedeihen kann, das von jemandem groß gezogen wird, der dieses Kind nicht liebt. Warum gehen wir dann davon aus, dass das bei Unternehmen („dem geistigen, unternehmerischen Baby“ der Eltern) anders sein kann?

Firmenerben tun aus meiner Sicht sowohl sich selber als auch dem ererbten Unternehmen einen Gefallen, wenn Sie ehrlichen einen Blick in ihr Herz riskieren mit der Frage: Liebe ich DIESES Unternehmen wirklich? Bin das wirklich ich, der dieses Unternehmen weiter führen sollte? – Diese Fragen kann man auch aus Liebe und Fürsorgepflicht gegenüber dem Erbe der Eltern stellen.
Firmenerben die bei dieser ergebnisoffenen Selbstbefragung zu einem negativen Ergebnis kommen („nein, es ist im Grunde nicht mein Ding und wird es niemals sein“), tun sich in der Regel leicht, die Konsequenzen zu ziehen und dann auch tatsächlich zu verkaufen.

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