Es gibt nichts Gutes unter der Wirtschaftssonne, oder: Sachorientierte Unternehmer unter Verdacht

Immer wieder stößt man auf Unternehmen, die ganz offensichtlich aus Interesse „an der Sache“ gegründet wurden oder vorangetrieben werden.

Premium-Cola scheint so ein Fall zu sein. Oder, aus nicht ganz anderer Branche: Innocent Drinks. Bei Marie Miyashiro findet man sogar die Geschichte eines Transport-Unternehmens, dass sich selbst so versteht: „Die Kunden durchs Leben befördern“ (S. 122 in „Der Faktor Empathie“). Auch am Ende dieses Artikels, der im April 2014 in der Zeit erschien, werden zwei solche Beispiele angeführt.

Aber, so fragt man sich: Ist das denn möglich? Dauerhaft? Sind nicht am Ende alle Menschen egoistisch? Treten nicht automatisch, wenn erst mal der Rubel rollt, ganz andere Dinge in den Vordergrund?

Ja, selbst bei der Liste dieser „geprüften Intrinsifier“ bleiben Zweifel, auch wenn diese Unternehmen ausführliche Antworten über ihre internen Abläufe geben und sie dabei von Menschen befragt wurden, die äußerst kritisch sind, was Mogelpackungen und reines employer branding angeht.

In der Tat haben solche Unternehmen ein Problem, wenn es denn überhaupt „ihr Problem“ ist und nicht vielmehr unseres: Man kann sie von außen kaum von allen anderen Unternehmen unterscheiden, die ich gerne „Gewinnabschöpfungsmaschinen“ oder wahlweise „Gelderzeugungsmaschinen“ oder „Unternehmenszombies“ nenne. Denn auch hier wird auf Websites, in Broschüren und in Pressemitteilungen behauptet, dass es den Unternehmen selbstverständlich allein um die Sache und um die Zufriedenheit der Kunden geht.

Unser Misstrauen ist hier ein Spiegel unserer Erfahrungen mit und in Unternehmen. – Aber nicht nur. Unser Misstrauen ist zugleich auch Ergebnis eines negativen Diskurs über „die Wirtschaft“ und über „die Unternehmen“. – Unser Arbeitsrecht ist – mit guten Gründen – ein „Arbeitnehmerschutzrecht“. Und überhaupt scheint der tief in der deutschen Seele verinnerlichte Kategorische Imperativ Immanuel Kants ja so etwas zu sagen wie: Wenn es Dir nutzen bringt, dann ist es nicht mehr moralisch sauber, dann ist es kein „guter Wille“ mehr. – Und strebt nicht jedes Unternehmen genau danach, nach Nutzen?

Ich selbst bin mit diesem Bild der „bösen Wirtschaft“ aufgewachsen. Hineinsozialisiert in die spätesten, letzten Ausläufer hippen 68er-tums, das auf der Schule schick war, in die ich ging. Und darum habe auch ich dieses Misstrauen, wenn ich von „guten Unternehmen“ höre.

Später habe ich dann, im Fach „Wirtschaftsethik“, gelernt, wie fatal es für ein Unternehmen sein kann, wenn es öffentlich und lautstark kommuniziert (und damit Marketing betreibt), dass es in irgendeiner Hinsicht „ethisch“ agiert. Am Beispiel der Fa. Henkel und des Films „In Unschuld waschen“. Denn Unternehmen, die öffentlich mit Ethik hausieren gehen, werden von ebendieser Öffentlicher deutlich kritischer unter die Lupe genommen als ihre Konkurrenz (z.B. in diesem Fall: procter&gamble), die niemals so etwas behauptet hat.- So als könnten wir es psychisch nur schwer ertragen, dass der Profit-vs.-Ethik-Gegensatz auch nur an irgendeiner Stelle unseres Wirtschaftsgeschehens aufgehoben sein soll.

Noch später sind mir dann konkrete Unternehmen begegnet, die „wirklich anders sind“ – so war zumindest mein Eindruck – , die das aber gerade nicht an die große Glocke hängen wollen. Halb aus der Befürchtung, die dadurch geweckten Erwartungen (intern wie extern) nicht einlösen zu können. Halb aus Unklarheit darüber, wie besonders sie waren, also aus positiver Betriebsblindheit („ist das nicht überall so?“).

In jedem Fall hat es das gute, das sachorientierte Unternehmertum nicht leicht, nicht in der Öffentlichkeit. Jene Öffentlichkeit, die uns als entscheidend zähmendes Moment in der Politik so gute Dienste erweist (NUR Wahlen alle 4-5 Jahre allein wären da ein bisschen wenig, die Kontrolle im daily business der Politik leistet eben jene Öffentlichkeit). – Aber hinsichtlich Unternehmen kann Öffentlichkeit kaum oder zumindest nicht zuverlässig leisten, was wir brauchen: Klare, eindeutige, vertrauenswürdige Unterscheidung.

Zwar gibt es Unternehmensbewertungs-Portale wie kununu, und davon mittlerweile eine ganze Menge. – Aber diese werden schnell zu reinen Employer-Branding-Veranstaltungen, ebenso wie das von Unternehmen bezahlte „Deutschlands beste Arbeitgeber“. Zwar gibt es bei diesen Plattformen durchaus Unternehmen, wo auch aus der Innensicht tatsächlich drin ist, was oben auf dem Paket draufsteht. Aber eben nicht immer und überall. Und daher leisten diese Plattformen eben nicht, was wir brauchen: Vertauenswürdige Unterscheidung.

Zwar gibt es auch Zeitschriften wie die „brand eins“, die hier seit vielen Jahren einen fantastischen Job macht, immer neues Gutes, Anderes und Faszinierendes aufstöbert. – Aber auch sie ist bei vielen ein rotes Tuch, steht unter Beschuss, weil sie vermeintlich ein „verzerrendes Bild von der Realität zeichnet“, wo sie in Wahrheit eben nur die lichten Ecken beleuchtet, die überall sonst systematisch ausgeblendet werden. – Und die gleiche Kritik trifft die vielen neuen Publikationsorgane, die es seit neuerem gibt.

Es scheint so, das wir von der Öffentlichkeit nicht viel erwarten können, dass sie uns hilft, Aufmerksamkeit zu erzeugen für Unternehmen, die bereits heute andere Wege gehen, manche seit Kurzem, andere schon seit Langem, einige laut, andere heimlich still und leise. In denen Menschen, in denen Unternehmer am Werk sind, denen es wirklich um die Sache und um den echten Nutzen für ihre Kunden geht.

Wenn ich aber jemand bin, der in einem Unternehmen arbeitet, in dem Zynismus und systemische Verrücktheit an der Tagesordnung ist, dann ist es für mich auch schwer erträglich, davon zu hören, wie saftig das Obst in anderen Gärten angeblich sein soll. Es macht mir wenig Lust, es erhöht meinen Frust. Aber einen Frust ohne Ausweg. Daher blende ich sie lieber aus, die sauren Trauben, die für mich gerade zu hoch hängen. – Ich selbst habe das erst letztes Jahr noch einmal erlebt, als ich Teil von solch einem Unternehmen war: Meine Lust, von guten Unternehmen zu hören, ging schlagartig in den Keller, beinahe zeitgleich mit meiner Unterschrift unter meinen Arbeitsvertrag.

Und dennoch, trotz all dem ist es wichtig, dass es Öffentlichkeitsarbeit, dass es Lobbyarbeit gibt, für die Möglichkeit, wie man heutzutage auch zusammen arbeiten kann, wie man heute auch Unternehmertum definieren kann.

Denn die Welt wächst gerade zusammen. Nie, niemals zuvor war der Slogan vom „global village“ so zutreffend, so wahr, wie er heute ist. Und er wird immer noch wahrer. Man wird immer schneller immer mehr davon hören, wie Unternehmen „intern so drauf sind“. Man wird bald nicht mehr lange irgendwo gearbeitet haben müssen, um einschätzen zu können, ob auch drin ist, was vorne drauf steht. Denn neben dem, dass es jetzt „das Netz“ gibt, werden auch wir immer sensibler für die feinen Unterschiede. Und irgendwann werden wir ihn einfach nicht mehr glauben, den pauschalen Mythos von „Unternehmen sind / Arbeit ist halt so, da kann man nichts machen“. Dann, erst dann werden wir wirklich pragmatisch. Denn dann werden wir schauen, was uns wirklich wichtig ist, werden wir selbst Unterschiede machen und uns dann gezielt das suchen, was wir gerade brauchen. Und uns mit nichts weniger zufrieden geben. – Und damit wird es auch „Öffentlichkeit“ in der altbekannten Form irgendwann nicht mehr geben als das, was uns Fernliegendes nahebringt. Weil dann „gefühlt“ bereits alles recht nah beieinander liegt  und gar nicht erst überbrückt werden muss. Wie in einem Dorf eben. Nur größer, viel größer und vielfältiger, viel vielfältiger.

Aus diesem Grund bin ich so glücklich, dass es so ein Filmprojekt gibt, wie das, das „Augenhöhe“ heisst. Denn für mich ist ist dieses Projekt ein kraftvoller Beitrag zu genau dieser Entwicklung.

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