Echte Wertschätzung und echter Raum für Gefühle, auch negative Gefühle – nicht forciert, aber eben auch nicht verdrängt

Folgt man dem Männertherapeuten Björn Süfke („Mannerseelen – ein psychologischer Reiseführer“) zeichnet sich der männliche Entwicklungsprozess – also der Prozess, in dem aus einem kleinen männlichen Baby ein erwachsener Mann wird, in unserer heutigen Kultur u.a. durch folgende Eigenschaft aus:

Der kleine Junge lernt durch verschiedene, in der Tendenz „typisch männliche“ Strategien, Gefühle von Angst, Onmacht und Trauer (Verlustgefühle) zu unterdrücken. Dieser Lernprozess ist im Wesentlichen getrieben von den Reaktionen von für den Jungen wichtigen Bezugspersonen. Diese reagieren – unabhängig davon, ob es sich um Mutter, Vater, andere Verwandte oder professionelles Betreuungspersonal handelt – bei kleinen Jungen nachweisbar signifikant anders als bei kleinen Mädchen, wenn Situationen auftreten, in der sich ein Kind verletzt, schlecht fühlt und seinen schlechten Zustand (zunächst lautstark) äußert. Typisch für die verbreiteten Reaktionsmuster Erwachsener auf Äußerungen von kleinen Jungen, die lautstark Zuwendung einfordern, ist, dass diese Reaktionen deutlich weniger lang, weniger instensiv, weniger körperbetont (Trost) ausfallen und signifikant häufiger von (latent) negativen Bewertungen begleitet werden, die dem Jungen signalisieren, dass er sich in seinen Gefühlsäußerungen zurücknehmen sollte.
Kurz: Die Welt spiegelt kleinen Jungen, dass ihre natürlichen negativen Gefühle „nicht o.k.“ sind.

Die Folge ist, dass Jungen sehr effektive Strategien entwickeln (Rationalisieren, „Ich hab das im Griff-Syndorm“, etc.), um mit den natürlich auch bei ihnen weiterhin auftretenden Schwächegefühlen anders umzugehen als sie zu äußern.

Diese Strategien haben für Jungen, und auch für die Männer, die sie später sind, durchschlagende Wirkungen. Denn da wir grundsätzlich Dinge an uns selbst schlecht wahrnehmen können, die nicht durch unsere soziale Umwelt gespiegelt werden, verlieren Männer in der Regel den Zugang zu ihren Schwächegefühlen. D.h. Sie hören auf, sie überhaupt wahrzunehmen. Die „Störungssensibiltät“ von Männern ist daher häufig deutlich niedrieger als die vieler Frauen – was ja durchaus nicht nur Nachteile hat.

Es hat jedoch für die Arbeitswelt mehrere gravierende Nachteile, die Unternehmen aus meiner Sicht dazu veranlassen sollten, hier aktiv zu werden und eine aktive Gefühlskultur zuzulassen und zu fördern.

1.) Störungen sind Informationen. Jemand der, nicht in der Lage ist zu bemerken, dass ihn eigentlich etwas stört, drängt diese Information „in den Untergrund“. Damit ist die Störung aber nicht „aus der Welt“ – sie kehrt nur mit einer gewissen Verzögerung mit größerer Wucht zurück, um „sich im Bewusstsein Gehör zu verschaffen“. Da Männer allgemein oder Frauen in der in diesem Punkt männlich geprägten Businesswelt sehr gut austrainierte Verdrängungsmechanismen gegenüber solchen Gefühlen haben, geht das bei Dauerhaft bestehenden Problemen, die nicht wahrgenommen werden, bis dahin, dass die Information anfängt „zu somatisieren“, d.h. der betreffende Mensch wird krank. Die Krankheit ist dann funktional und enthält selbst die gleiche Information wie ganz zu Anfang. Es ist sozusagen eine „Information mit dem Holzhammer für die, bei denen diese Information nur auf diesem Weg ins Bewusstsein gelangen kann“.

2.) Noch wichtiger ist ein anderer, wenig bekannter und noch weniger beachteter Zusammenhang: Das systematische Verdrängen „negativer“ Gefühle (Ohmacht, Angst, Trauer, Wut, Abscheu, Ekel, Niedergeschlagenheit, Unlust, etc.) in vielen unserer Arbeitswelten hat einen durchschlagenden Effekt auch auf die positiven Gefühle (Freude, Verbundenheit, Lust, etc.). Es gibt sozusagen ein „einheitliches Emotionalitätsniveau“ dass sich IMMER gleichermaßen auf die als negativ bewerteten wie auf die als positive bewerteten Gefühle ( = Informationen) bezieht.
D.h. im Klartext: Ein Mensch, der auf Dauer negative Gefühle über längere Zeit „runterdrückt“, bis er sie gar nicht mehr wahrnimmt, kommt systematisch immer in einen Zustand, in dem er auch nur noch einen extrem reduzierten Zugang zu seinen (von ihm selbst und von seiner Kunden, Kollegen, Vorgesetzten) erwünschten Gefühlen hat.

Besonders pervers sind daher Unternehmenskulturen, die negative Gefühle konsequent unterdrücken („be positive“) und zugleich „Begeisterung“ ihrer Mitarbeiter einfordern. In solchen Kulturen werden menschliche Psychen einmal durch den Fleischwolf gedreht. Man produziert als Unternehmen dann reihenweisen Pathologien, die an der Oberfläche nicht mal sichtbar sind, weil sich die MA aus Selbsterhaltungs-Gründen seblst darauf eichen, auch in dem Zustand „weiter zu funktionieren“ bzw. „weiter zu performen“ – bis es dann halt irgendwann einfach gar nicht mehr geht… Jobverlust und Jobwechsel wird von vielen Menschen in Deutschland ja nach wie vor als existenzbedrohender Vorgang bewertet, so dass sie auch in systematisch krank machenden Strukturen weiter zu Recht zu kommen versuchen, auch wenn es von außen völlig absehbar ist, wohin das führt…

Wichtig aus Unternehmenssicht ist hier aber v.a.: Wirklich begeisterungsfähige, lebendige, inspirierte und inspirierende Mitarbeiter kann ich nur haben, wenn ich eine natürliche Gefühlskultur zulasse bzw. sie nicht systematisch unterdrücke. Nachhaltig leistungsfähige, dauerhaft produktive und kreative Mitarbeiter gibt es auf Dauer nur so.

Das ist unter den heutigen Gegebenheiten in Unernehmen aber wesentlich leichter gesagt als umgesetzt. Der Grund dafür sind aber NICHT Termindruck und anspruchsvolle Ziele (wie wir manchmal annehmen). Es ist vielmehr auch dann zu 100% möglich, negative Gefühle zu leben und business-adäquat auszudrücken, wenn man unter einem solchen Druck steht. Gerade dann ist es übrigens besonders wichtig, aber das nur am Rande…

Der Grund ist vielmehr, dass Unternehmen, die so etwas zulassen wollen, dazu einiges in ihren Organistationsstrukturen umstellen müssten, das in heutiger Wahrnehmung radikal erscheint. Mit ein paar schicken Programmen, Maßnahmen und Trainings bekommt man das nämlich nicht. Vielmehr muss das Konzept der „Karriere“ konsequent abgeschafft werden, weil systematisch forcierte interne Konkurrenz Gefühlswahrnehmungen und Gefühlsäußerungen unvermeidlich zu bedrohlichen Vorgängen macht. Für viele Unternehmen ist das undenkbar. Nicht aus funktionellen Gründen, sondern schlicht deswegen, weil Unternehmen von Menschen betrieben werden, die sich auf ihren individuellen „Deal“ mit ihrem Unternehmen mit bestimmten Karriereerwartungen eingelassen werden. Diese Erwartungen brauchen bei einer Systemumstellung Satisfaktion und es wird nur unter sehr spezifischen Bedingungen möglich sein, dass sich alle Mitunternehmer dafür gewinnen lassen. Doch diese Umstellung ist nichtsdestoweniger notwendig. Nur in einer Organisation, in der die Innenzustände der Organisationsmitglieder geäußert werden können, ohne dass die Gefahr von Demütigung und Ausbeutung droht, ist jenes Unternehmertum möglich, dass wir alle uns mehr oder weniger offen wünschen, wenn wir „arbeiten“. Und erst dann kann es jenes eingeschworene Gemeinschaftsgefühl und jene tiefe kollegiale Verbundenheit gegeben sein, die wir in den allermeisten unserer Unternehmen so schmerzhaft vermissen.

Wirklich produktive Unternehmen bekommen wir also NUR mit einer „Kultur der Annahme und Äußerbarkeit negativer Gefühle“ – und den entsprechenden Strukturänderungen, die nötig sind, um diese Kultur mehr zuzulassen als aktiv zu implementieren. Denn Gefühle sind „natürlich“. In einer Kultur, die sie nicht aktiv unterdrückt und keine Anreize dazu liefert, sie selbst aktiv zu unterdrücken, werden diese Gefühle völlig selbstverständlich geäußert. Sie brauchen dann keine „Ermutigung“ und schon gar keine „Maßnahmen“.  Gefühle sind ebenso ansteckend wie sie natürlich sind.

Das gilt übrigens auch bei denjenige von uns, die in Sachen „ich bin ein Macher und nichts macht mir zu schaffen“ perfekt austrainiert sind. Sie brauchen vielleicht ein klitzekleines bisschen länger, um ihre eigene Lust an mehr Unmittelbarkeit zu entdecken. Auf Dauer können sie sich aber einem Umfeld nicht entziehen, indem möglich ist, was ihnen in ihrem bisherigen Leben als unmöglich, „unmännlich“ und „unprofessionell“ gespiegelt wurde. Denn auf Dauer hat keine menschliche Neurose gegen ein dichtes soziales Umfeld eine Chance, das diese Neurose in keiner Form triggert und am Leben erhält. Und unsere Unternehmen sind immer ein solches „dichtes soziales Umfeld“ für uns. Im Guten wie im Schlechten.

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Dieser Artikel ist eine leicht überarbeitete Version eines Beitrags, der erstmals am 22.10.2012 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen ist.

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