Vernünftige Wirtschaft, vernünftiges Unternehmertum – Und wie man sie von ihrem Gegenteil unterscheiden kann

Wir können die Vernunft vom Verstand unterscheiden.

Z.B. so:

Der Verstand wird zur Vernunft, wenn er nicht mehr sich selbst und seine starren Unterscheidungen im Sinn hat, sondern die 3 Formen der Liebe: Agape, Philia und Eros. Vor allem aber Agape.

Der Verstand kann sich zwar weiterentwickeln, immer neue Schubladen bauen, immer neue Kategorien erfinden. Seine Grundbewegung ist aber: Diese Kategorien der Welt aufzuzwängen, seine Kategorien über den Strom der Ereignisse und des Lebens drüberzuwerfen wie ein Gitter, das diesen Strom zerschneiden und in handliche Portionen fassen soll, die man dann sicher hat.

Hinter dieser Grundbewegung, hinter der Tätigkeit des Verstands steht immer Angst bzw. ein alle anderen Bedürfnisse in den Hintergrund drängendes Bedürfnis nach Sicherheit.

Die Vernunft ist zu ganz anderen Bewegungen in der Lage. V.a. aber ist sie nicht starr, sondern wird selbst bewegt, lässt sich selbst bewegen, während sie im Fluss der Ereignisse steht, geht, sitzt, liegt, schwimmt, was auch immer…

Verstand und Vernunft sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Denn sie unterscheiden sich nicht darin, welche oder dass sie Kategorien verwenden, sondern WIE sie diese Kategorien handhaben. Gewaltsam, von oben herab, mit Beherrschungsswillen der Verstand, locker, annehmend, weich, kraftvoll, klar die Vernunft. Die Vernunft sieht sich als Teil der Ereignisse, mit denen sie spielt. Der Verstand objektiviert und sieht sich getrennt. Eben: Darüber stehend.

An Verstand ist kein Mangel in unseren Wirtschaftlichen Aktivitäten, in unseren Unternehmen.

An Vernunft schon.

Auch das, was ich hier schreibe, kann eine Verstandestätigkeit oder eine vernünftige Tätigkeit 😉 sein.

Denn wenn die Vernunft „gerinnt“, verkommt sie zu etwas Starrem, eben zum Verstand, der Kategorien absolut setzt und sie dann allem überstülpt.

Ich möchte ein „etwas praxisnäheres Beispiel“ geben:

Die Personalentwicklung eines Unternehmens kann verständig oder vernünftig sein. In den allermeisten Unternehmen ist sie „bloß verständig“. D.h. sie ist schlau, ausgefuchst, sie macht Benchmarking, sie macht ein Erfolgs-Controlling ihrer Maßnahmen, sie kauft sich tolle Instrumente ein, usw.

Aber würde man diese Form der Personalentwicklung fragen: „Ist Eure Tätigkeit getragen von einer Liebe zu denjenigen Menschen, denen ihre mit Euren Aktivitäten dienen wollt?“, so könnte sie mit der Frage nichts anfangen.

Um wieder einmal das Bild des Gärtners zu bemühen: Ein Gärtner, der sich wirklich intensiv um die Pflanzen, für die er sorgt, bemüht, kann innerlich höchst unterschiedliche Haltungen einnehmen:
Auch er kann sich so sehen, dass er „über seinen Pflanzen steht“, wie ein Gott, der züchtet, hegt, beschneidet, nährt, usw.
Er kann sich aber auch so sehen, dass im Grunde, das Meiste von allein geschieht und er selbst nur zu einem Teil dieses Geschehens werden darf. – So ein Gärtner sieht sich mehr zwischen seinen Pflanzen als über ihnen stehend. Wenn er „eingreift“, so wird er es äußerst behutsam tun, um die Eigenbewegtheit der Wesen, für die er da ist, durch seine Aktivitäten nicht zu stören, sondern wenn, dann zu stärken.

Nur der letztere „Gärtner“ handelt „vernünftig“. Nur von ihm kann man sagen, dass seine Aktivitäten „von echter Liebe beseelt“ sein können.

In der Haltung des machtvollen Züchters ist eine liebevolle und achtsame Tätigkeit ausgeschlossen, denn in dieser Haltung gilt es, Verstandeskategorien zu erfüllen, „die Realität an das, was ich mir ausgedacht und eingebildet habe, anzupassen.“ – Mit allen Mitteln die mir zur Verfügung stehen, mit allen Mitteln, die ich finden kann.

Das ist die Haltung, mit der heute in unseren Unternehmen meistens „Personalentwicklung“ betrieben wird.

„Selbstbewegtheit“ ist in der klassischen abendländischen Tradition ein Hauptmerkmal für alles Lebendige und Beseelte.

Indem wir unsere Unternehmen wie Mechanismen (zugegeben: wirklich komplizierte und smart ausgedachte Mechanismen) denken und betreiben, machen wir sie zu etwas, dass alles Lebendige in ihnen und um sie herum stören oder sogar zerstören muss.

Denn ein „Apparat“ ignoriert die Eigenbewegung seiner Elemente. Er muss sie „in Bahnen lenken, damit er reibungslos funktioniert“. Er muss die Lebendigkeit einfangen und reduzieren, weil sonst „nicht mehr ein Rädchen – so wie gedacht – ins andere greift.“

Das heißt: Die Sozialtechnologie, die unsere Unternehmen derzeit fest im Griff hat, zerstört an aller erster Stelle die Eigenbewegtheit derjenigen, die das Unternehmen betreiben: Der Mitarbeiter, die auf diese Weise keine Mitunternehmer sein können.

Und beklagt sich dann über deren fehlende Initiative, deren fehlendes Mitdenken, deren fehlendes Commitment. – In völliger Unschuld, in völligem Unbewusstsein über den eigenen Anteil an diesem Effekt, den sie selbst „verursacht“.

Ist das Miteinander in einem Unternehmen von Sozialtechnologischem Denken verseucht, wird dort nichts mehr aus eigener Kraft wachsen. Was dann passiert, ist darauf ausgerichtet, einen Untoten, einen Zombie mit Gewalt am Leben zu halten: D.h. mit von Außen zugeführter Fremdenergie. Diese Fremdenergie kann von Investoren kommen, von Kunden oder eben von Mitarbeitern, die alle woanders „wieder auftanken“ und diese woanders gewonnende Energie dann wieder dem toten Unternehmens-Mechanismus zuführen, wie einen Treibstoff.

Es ist kein großes Geheimnis, aber in meinen Augen wird es nicht selten übersehen:

Es gibt (un-)tote Unternehmen und es gibt lebendige Unternehmen.

Und es ist für keinen Menschen, egal in welcher Rolle, eine gute Sache, „Teil von einem untoten Unternehmen zu sein“, also entweder Draculas Opfer oder Draculas Renfield, der dem untoten Meister seine Opfer zuführt, von denen der dann zehren kann, um sich sein untotes Leben bis in alle Ewigkeit zu erhalten.

Dort wo wir heute stehen, ist es ein wichtiger Schritt, wenn sich Menschen – egal in welcher Rolle – toten Unternehmen nicht mehr zur Verfügung stellen, sondern ihre Ressourcen und ihre Lebendigkeit dort einbringen, wo Selbstbewegtheit gewürdigt wird und bestehen gelassen wird.

Es ist heutzutage alles andere als naheliegend, unternehmerisch tätig zu sein und dabei NICHT in Sozialtechnologisches Denken zu verfallen. D.h.: Ausschließlich verständig zu handeln. Das Sozialtechnologische Denken oder der reine, lieblose Verstand sehen sehr verantwortungsvoll und sehr notwendig aus. Und außerdem „machen es ja alle anderen auch so“.

Es fehlt also die Vorstellung von einem anderen Miteinander, von einer anderen Haltung. Es fehlt die Vorstellung davon, dass ganz Anderes möglich ist, das sich von den bestehenden Bewegungsformen KATEGORISCH unterscheidet.

Aber diese Vorstellung fehlt nicht überall. Es gibt Unternehmen, die sie haben, gar nicht selten, ohne sich dessen bewusst zu sein (ein Problem, das man nicht hat, fällt nicht weiter auf). Es gibt zahlreiche Denkansätze, die die Selbstbewegtheit in ihren Mittelpunkt stellen. Es gibt zahlreiche Initiativen, die eine Steigerung oder ein Bestehen-Lassen der Selbstbewegtheit in allen möglichen wirtschaftlichen Verhältnissen fördern. Und es gibt auch immer mehr Menschen, die spüren, dass Sozialtechnologie als Ausgeburt des reinen, lieblosen Verstands keine geeignete Anwort auf wirtschaftliche und unternehmerische Fragen ist.

Ein Unternehmer, der sein Unternehmen, seine Mitarbeiter, seine Kunden, seine Kooperationspartner ganz offensichtlich nicht liebt, sondern nur „den Apparat umzubauen und zu beherrschen versucht“, kann kein echtes Unternehmen in die Welt bringen, sondern nur eine Gelderzeugungsmaschine, die aus ihrer Umwelt Energien absaugt: Einen reinen Parasiten.

Ein Investor, der die Unternehmen, denen er sein Geld gibt, nicht liebt, bringt durch diese Form des „Gebens“ solche Unternehmens-Parasiten, solche Gelderzeugungsmaschinen hervor. Er saugt aus und wird ausgesaugt. Ein wechselseitiges „Sich-Benutzen“, „Auseinander-das-maximale-Kapital-schlagen“ entsteht und begründet die Investitionsbeziehung. – Es geht dann darum, „smart“ zu sein und möglichst den anderen über den Tisch zu ziehen und nicht selbst über den Tisch gezogen zu werden. – Ein unschönes Spiel. Spannend für eine Weile, aber es verändert den, der es zu lange spielt.

Ein Mitarbeiter, der vom Unternehmen nichts anderes will und erwartet als Geld, Status und „Karrierechancen“, versucht sich ebenfalls zu einem Parasiten zu machen – indem er sich an einen Parasiten ranhängt, an ihn andockt und selbst versucht, abzusaugen, was es dort eben abzusaugen gibt. Freilich um den Preis, auch selbst ausgesaugt zu werden.

Unsere Wirtschaft ist derzeit auf dem Paradigma der Seelenlosigkeit, genauer: auf der Entseelung des Beseelten aufgebaut.

Mit „unternehmerischem Handeln“ hat das in meinen Augen oft nicht mehr viel zu tun.

Und es muss auch nicht so sein.

Aber es geht eben auch nicht ohne den vielbeschworenen „Paradigmenwechsel“:

Geht es in der Wirtschaft vom INNEREN Fokus der beteiligten Akteure her ums GEBEN – oder geht es ihnen ums NEHMEN?

Ist Ihr Handeln von einer Liebe beseelt oder vom Impuls, sich Sicherheit zu verschaffen und zu beherrschen, was vor ihnen liegt?

Ist unser unternehmerisches Handeln vernünftig oder nur überaus verständig?

Diese Fragen kann jeder nur für sich selbst beantworten. Und es gibt keinen Zwang, sich diese Fragen überhaupt auch nur zu stellen.

Nur, wenn bereits ein echtes, ausgewachsenes Unbehagen vorhanden ist darüber, was man selber in unternehmerischen Kontexten sieht, hört, erlebt und fühlt, macht es überhaupt Sinn, sich solche Fragen zu stellen.

[Dieser Artikel ist eine leicht überarbeitete Fassung eines Beitrags, der zum ersten Mal am 27.03.2014 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen ist.]

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s