Was Liebe in unserem Unternehmen verloren hat – Was unser Unternehmen an Liebe gewinnt

„Liebe“ ist im Kern die wiederholte Bezugnahme auf etwas, bei dem wir jeweils das Gefühl der Freude empfinden, weil unser Bewusstsein „ja“ zu diesem etwas sagt, so wie es ist, weil wir es affirmieren mit einem „das ist gut so, das ist schön so, das ist richtig so“.

Liebe geht über das rein Momentane der Freude hinaus und stellt eine beinahe identifikatorische, jedenfalls dauerhafte Bindung her zu jenem etwas. Und sie führt dazu, dass wir an jenem „etwas“ immer neue Details und Aspekte entdecken, die wir ebenfalls bejahen und an denen wir uns ebenfalls freuen.

Der menschlichen Liebesfähigkeit sind daher im Grunde kaum Grenzen gesetzt. Wir können alles mögliche lieben: Bestimmte Aktivitäten, Gegenstände, lebende Wesen, Dinge, natürliches, künstliches, Abstraktes, Komplexes, Kompliziertes, Einfaches, Orte, Situationen, usw. usf.

Es gibt laute und leise Formen der Liebe, solche die mit einer Form äußerer Aktivität verbunden sind und scheinpar passive, die ohne auskommen. Es gibt manchmal den Wunsch von Fürsorge für „das Objekt der Liebe“, den Wunsch, etwas zu seinem Wohlergehen beizutragen, vielleicht auch: alles, was man kann, zu seinem Wohlergehen beizutragen, aber auch das ist keine Notwendigkeit, damit es sich um Liebe handelt.

Liebe hat auch viel mit Betroffen-Sein, Verletzlichkeit und Mitgefühl zu tun. „Es macht etwas mit mir“, wie es um das, was ich liebe, gerade bestellt ist. Es lässt mich nicht kalt, es bewegt mich. – Und das obwohl wir eigentlich getrennt sind, obwohl es nichts mit mir machen müsste, weil da eben eine Trennung ist, die bedeutet, dass es mich kalt lassen könnte, nicht bewegen müsste.

Denn dies ist ein weiterer zentraler Aspekt der Liebe: Ihre völlige Freiwilligkeit und Ungezwungenheit. In der Liebe gehe ich eine Bindung ein, ich übernehme Verantwortung („etwas in mir antwortet auf das, was ich ‚da draußen‘ vorfinde, nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder“). Aber ich tue es nicht aus Zwang oder aus der Not heraus. Ich könnte es immer auch nicht tun und wäre dann ungebundener und (oberflächlich gesehen) freier. Auf jeden Fall viel weniger verletztlich. Nicht mehr zu lieben bedeutet Sicherheit, „jetzt kann mir nichts mehr etwas anhaben“, ich schütze mich. Liebe ist daher auch Wahnsinn: Völlig freiwillig mache ich mich noch verletzlicher als ich ohnehin schon bin, in dem ich mich mit etwas anderem verbinde, mit dem vielerlei der Fall sein kann, was dann auch mich berührt.

Aufgrund unserer prinzipiell unbegrenzten Liebesfähigkeit heraus sind wir ganz selbstverständlich auch in der Lage, ein bestimmtes Unternehmen zu lieben. Die Liebe zu einem Unternehmen ist sogar leichter und naheliegender als die Liebe zu vielem Anderen. Denn hier wird ja produziert, hier entsteht täglich Neues und wird anderen Menschen zur Verfügung gestellt. Der Aspekt des „Gebens“ ist sehr lebendig in Unternehmen, auch wenn man vordergründig oft den Eindruck hat, es ginge nur ums (Ein-)Nehmen.

Wichtiger aber ist noch, was mit den Mitunternehmern eines Unternehmens passiert und ob sie  „in einer erkennbar bestimmten Liebe zusammenkommen“. – Sehr naheliegend ist im Fall von Unternehmen die Liebe zu bestimmten Kunden, bzw. die Liebe dazu, für andere Menschen etwas Bestimmtes zu leisten, zu liefern, zur Verfügung zu stellen, Menschen, die dann rückwirkend als „Kunden“ bezeichnet werden können. – Eine sehr abstrakte Liebe.

Denn da im Unternehmen die unterschiedlichen Mitunternehmer sehr unterschiedliches tun, kann man auch nur im übertragenen Sinn von einer „gemeinsamen Aktivität“ oder von der „Liebe zu einer gemeinsamen Aktivität“ sprechen. Ich kann auch die Geschäftsführerin, der Buchhalter, die Empfangsdame oder der ITler dieses Unternehmens sein. Und dennoch kann es sein, dass es mir nicht egal ist, wozu meine eigene spezifische Aktivität am Ende beiträgt. – WENN das so ist, dann haben wir als Mitunternehmer in unserem Unternehmen eine echte, dauerhafte Verbindung, eine echte Geschäftsgrundlage. Wenn nicht, dann haben wir im Grunde gar keine Verbindung und unser Unternehmen verkommt über kurz oder lang zu so etwas wie einer Räuberbande mit schöner Verpackung und Eintrag im Unternehmensregister.

Die Liebe zu einem Unternehmen und dass ein Unternehmen überhaupt liebesfähig und liebenswert ist, muss daher täglich gepflegt sein. – Ganz genauso wie jede andere Form von Liebe auch. Wir nehmen dann in unserem Unternehmen mehrmals an jedem Tag unserer gemeinsamen Arbeit aktiv Bezug auf das Wesentliche unseres Unternehmens, auf das, worum es in unserem Unternehmen eigentlich geht. – Wir verlieren uns nicht in den notwendigen Details, ToDos, Prozessen usw., sondern wir finden unsere gemeinsame Liebe in ihnen wieder. Wir lassen uns unsere Liebe nicht von den Anforderungen des daily business davonschwemmen, sondern tragen sie in dieses daily business hinein und formen es so, dass es zu einem einzigen Ausdruck unserer gemeinsamen Liebe wird.

Das klingt obsessiv und vielleicht ist es das auch. Aber es gibt eben auch stille, leise, unaufgeregte Formen der Liebe, die wenig mit dem zu tun haben, was uns in Medien, Werbung und Filmen verkauft wird. Formen, in denen man ganz bei sich ist und ganz bei der Sache und ganz beim Anderen.

Im Kern geht es im Unternehmertum darum, dass man etwas tut, was für andere von Wert ist, und sich DABEI nicht verliert. Eben dann wird unternehmerische Tätigkeit zum stimmigen Ausdruck von Liebe.

Und dann kommt ein weiterer wesentlicher Aspekt von Liebe zum Tragen: Die Selbstauflösung ohne Selbstauflösung. Man geht auf in etwas, „das größer ist als man selbst“, aber man bleibt bestehen, opfert sich nicht auf, geht darin nicht unter. „Liebe im Unternehmen“ hat mit dem Märtyrertum, das wir derzeit in vielen Unternehmen erleben, nichts zu schaffen. Dieses Märtyrertum lässt eine kaputte Gesundheit zurück und zerstört zwischenmenschliche Beziehungen. Es verarmt emotional und manchmal sogar geistig. Liebe ist – mit dieser Überspitzung sollte man vorher aufräumen, bevor man mit dem Begriff der Liebe auf Unternehmen losgeht 😉 – eben nicht Selbstaufgabe, ist nicht heroisch. Sie ist einfach die bestmögliche, erfüllendste Form des Zusammenkommens und Sich-aufeinander-Beziehens, in dem beide Seite so wie sie sind gefeiert werden: Das Liebende und das Geliebte. Wenn das Geliebte das Liebende auffrisst, dann kann es sich um alles möglich handeln, aber sicher nicht um Liebe.

Und es gibt eben auch sehr asymmetrische Formen der Liebe. „Unternehmen“ ist eine davon (die Liebe zur Erfüllung bestimmter Kundenbedürfnisse). Eltern-Sein eine andere.

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