Der Liebe im Unternehmen auf der Spur

„Liebe im Unternehmen“? – Die erste Reaktion darauf könnte lauten: „Bitte nicht!“ Oder vielleicht: „Was soll denn das?“ Und dann eventuell noch: „Sie meinen jetzt aber nicht das, was einer unserer Vorstände mit seiner langjährigen Assistentin hat?“ Oder frei nach Gustav Heinemann: „Ach was, ich liebe keine Unternehmen, ich liebe meine Frau; fertig!“

Also, es ist schwierig über „Liebe im Unternehmen“ zu schreiben. Vielleicht ist es auch wirklich problematisch.

Um sich diesem Thema mit der ihm gebührenden Vorsicht zu nähern, ist es vielleicht sinnvoll, eher von „Spurenelementen der Liebe“ in Unternehmen zu sprechen.

Sammeln wir einmal, was naheliegend ist an solchen Spurenelementen:

„Ich liebe meinen Job“. – Kann je nach Mensch und seinen wichtigsten Bedürfnissen alles mögliche heißen: Abwechslung, angemessenes Herausgefordert-Sein, wichtige Fähigkeiten einbringen können, Sinnerleben, tolle Kollegen, Vertrauen vom Chef, in jüngster Zeit ein Erfolgserlebnis gehabt, wenig zu tun und gleichzeitig viel Kohle bekommen, Reisen können, nicht reisen müssen, dankbare Kunden haben, und und und.

In jedem Fall bekommt da jemand was, was er wirklich braucht und schätzt.

„Ich liebe dieses Unternehmen“. – Dürfte in nicht-sarkastischer Form derzeit eher selten anzutreffen sein, ist aber nicht ganz undenkbar. Das Unternehmen, dem dies gilt, müsste eine erkennbare stabile Kultur haben, in dem bestimmte Dinge, die der Liebe-Bekundende schätzt, regelmäßig vorkommen. Vielleicht sind es Dinge, die anderswo selten sind aus Sicht von dem, der den Satz sagt. Vielleicht ist er aber einfach schon sehr lange in jenem Unternehmen? – Nein, rein aus Dauer würde man so einen Satz wahrscheinlich nicht sagen. Da wäre zuviel Gewohnheit, Routine und Langeweile vor, vielleicht auch Genervtheit über die X-te Reorg, die man schon mitgemacht hat und Distanznahme zu der ganzen Sache aufgrund des Y-ten Chef, den man gerade hat. Es muss also wirklich etwas stabiles, wirklich Gutes sein im Unternehmen, das jemand zu so einer Aussage veranlasst. Und es könnte nicht nur von einem Mitarbeiter kommen. Es könnte sogar von einem Kunden kommen, einem Dienstleister/Zulieferer jenes Unternehmens oder von einem Investor.

„Ich liebe meine Kollegen“ – Hm. Irgendwie noch schwerer vorstellbar. Wer würde so einen Satz sagen? – In jedem Fall liegt hier eine irgendwie persönliche Beziehung vor, die über das rein Funktionale („die Räder greifen gut ineinander“) hinausgeht. – Oder doch nicht? Vielleicht bringen „die Kollegen“ einfach nur richtig gute Leistung, so dass es Spaß macht, mit ihnen zu arbeiten? – Wahrscheinlicher scheint mir aber, dass hier eine menschliche Ebene jenseits der Zusammenarbeit entstanden ist, dass man seine Kollegen durch irgendeinen glücklichen Zufall oder günstige Rahmenbedingungen als Menschen kennen gelernt hat und sich „zufällig“ mag. Man fühlt sich miteinander vertraut und wird gleichzeitig auch arbeitsmäßig nicht übermäßig enttäuscht (dann würden sich andere Gefühle anstauen, die kaum zu Liebesbekundungen führen würden). – Vielleicht kein sonderlich haltbarer Zustand. Aber ein denkbarer.

„Ich liebe meinen Chef“. – Ich muss zugeben: Dieser Satz löst bei mir persönlich unmittelbar Unbehagen aus. – Was ist hier der Fall? Vor kurzem befördert worden? Der Chef ist ein wirklich toller Mentor, ein geborener „People Manager“, der seine Aufgabe darin sieht, seine Mitarbeiter dahin zu bringen, dass sie ihn überflügeln, mindestens aber ihren Weg machen? – Selten, aber immerhin vorstellbar. Ich selber durfte einige solche Chefs kennen lernen. Und ja, wenn ich so darüber nachdenke: Ich liebe sie dafür.

„Ich liebe meine Kunden“. – Dazu fällt mir nur eines ein: Dass ich es wirklich schade finde und ein Armutszeugnis für unsere Unternehmen, dass ich annehme, dass dieser Satz mir am absurdesten und unwahrscheinlichsten scheint, dass er in unserer realexistierenden Wirtschaftswelt ausgesprochen oder auch nur einmal gedacht wird. – Denn im Kern geht es in jedem Unternehmen um die Kunden. Und wenn man die nicht liebt, was will man dann da eigentlich, in diesem Unternehmen? Wie gesagt: Extrem traurig und ein Armutszeugnis. Das Potential des Unternehmens ist verschenkt und den tragenden Protagonisten des Unternehmens oft noch nicht einmal ansatzweise überhaupt bekannt. – Weil sie sich ihrem Unternehmen und seinen Kunden nicht mit Liebe nähern, sondern mit ganz viel Anderem, völlig unbrauchbarem, beliebigem Zeug, das kein Mensch braucht.

„Ich liebe meine Investoren/ meine Firmeneigner“. Meinana! – Was muss da alles noch passieren, dass dieser Satz mal in der Realität fällt und ernstgemeint und vor allem ernst gefühlt ist! – Wünschenswert scheint mir das allemal, denn hier krankt unser momentanes System am Meisten und Zentralsten. – Aber das ist ein Thema für die, die sich mit Finanzen und Investments besser auskennen, und für Menschen, die sich mit „Impact Investing“ beschäftigen.

„Ich liebe meine Dienstleister/ meine Zulieferer“. – Hier scheinen mir die Dinge ähnlich gelagert wie beim Abschnitt über die Liebe zu den lieben Kollegen oben. Vielleicht täusche ich mich da aber auch?

Das soll als erste Sammlung von Liebes-Spurenelementen in Unternehmen genügen. Vielleicht mehr zu einzelnen dieser Elemente demnächst hier an dieser Stelle.

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