Wie wir zusammenkommen in Unternehmen

Wie wir zusammenkommen ist ein vielschichtiges Thema.

Ebene 1: Worin wir überhaupt zusammenkommen.

Diese Frage wird in den meisten Unternehmen bisher gar nicht gestellt, oder wenn, dann äußerst oberflächlich und ohne impact auf’s daily business abgehandelt, das völlig getrennt davon vor sich hinwummert.

Es wird davon ausgegangen, dass es sich bei Arbeitsverhältnissen um Tauschverträge handelt, ähnlich wie bei Kaufverträgen: Tausche Arbeitskraft/Bestimmte Leistungen für regelmäßig verbriefte Geldeinkunft.

Wenn man die Sache so aufzieht, bekommt man natürlich auch genau das: Einen Kuhhandel, der für beide Seiten wenig befriedigend ist und systematisch Unzufriedenheit hervorrufen muss, da es sich eigentlich um eine auf längere Zeit angelegte Bindung handelt, um eine echte Beziehung. – Im Privatleben kommen nur die Dümmsten von uns darauf, dass sich ihre Beziehung damit erschöpft, was in dem Ehevertrag steht, den sie abgeschlossen haben. Im Business ist diese Dummheit dagegen die Regel.

Worin kommen wir also zusammen? – Zunächst sind wir Einzelne, die vieles tun könnten, ungebunden und „frei“. Es ist aber eine leere, richtungslose Freiheit. Nicht sonderlich befriedigend, wie alle wissen, die sie schon einmal längere Zeit „genossen haben“.

Wir kommen in Unternehmen zusammen in einer gemeinsamen Willenserklärung: Wir wollen gemeinsam etwas BESTIMMTES tun, oder genauer: FÜR ETWAS BESTIMMTES DA SEIN. Und: Wir wollen dieses Bestimmte AUF EINE BESTIMMTE WEISE TUN, die uns eigen ist und uns von anderen Unternehmen unterscheidet, die beschlossen haben, für ungefähr das Gleiche da zu sein.

Marie Miyashiro, von der ich das Meiste gelernt habe, was ich an Substantiellem über Unternehmen weiß, beschreibt den ersten Aspekt als das Unternehmensbedürfnis „Live affirming purpose of a company“ (zu Deutsch ungefähr: „Lebensbejahender Zweck eines Unternehmens“). Den zweiten Aspekt: das „WIE wir das tun, auf unsere eigene Art und Weise“ beschreibt sie als das Unternehmensbedürfnis „Identity“.

Hart gesprochen müssen wir heute feststellen, dass die allermeisten realexistierenden Unternehmen weder über einen bewusst wahrgenommenen und gepflegten Zweck verfügen, noch über eine bewusst wahrgenommene und gepflegte Identität. – Beides setzt einem Unternehmen nämlich kraftgebende Grenzen, macht z.B. bestimmte Fusionen oder bestimmte Marktaktivitäten oder bestimmte interne Umgangsformen im Unternehmen unmöglich. Kurz: Es zwingt zur produktiven Auseinandersetzung mit sich selbst als Unternehmen („Mensch, was machen wir hier eigentlich in unserem Unternehmen? – Ich meine, was machen wir hier im Kern?“). – Und genau dafür scheint in Unternehmen niemals wirklich Zeit zu sein. Die „Gründe“ dafür sind vielfältig: Handlungsdruck, Deadlines, Konkurrenz schläft nicht, Kunde ruft an, Investor macht Druck, Pläne oder Prozessvorgaben wollen erfüllt sein, etc. – In unseren Unternehmen finden wir einen minütlichen Sieg des Dringlichen über das Wichtige.

Daher sind die meisten Unternehmen derzeit in einem wirklich bemitleidenswerten Zustand und sehr, sehr weit entfernt von dem, was sie sein könnten.

Und da sie sich weder um ihre Identität noch um ihren Daseinszweck sonderlich kümmern, KOMMEN DIE MENSCHEN IN UND RUND UM DIESE UNTERNEHMEN EBEN AUCH IN NICHTS ZUSAMMEN. Stattdessen herrscht etwas anderes in ihnen: Nämlich ein heimlicher, meist in den Grenzen der Legalität ausgetragener Krieg. Alles Kooperations-Gesülze in solchen Unternehmen ist selbst nur Teil von Kriegstaktiken und daher wird in solchen Unternehmen die Rede von Kooperation und gemeinsamen Werten aus guten Gründen äußerst misstrauisch beäugt. (Ähnlich wie hier bei uns in Bayern manchmal allzu freundlichen Menschen aus Prinzip misstraut wird: „Der wui doch wos!“). Viel zu oft hat man in solchen Unternehmen die ganz reale Erfahrung gemacht, dass hinter den schönen Worten die Absicht lauert, dass man ruhig gestellt und dann über den Tisch gezogen wird.

Solche Unternehmen sind in Wahrheit Raubgemeinschaften und Selbstbedienungsläden – Und zwar für alle beteiligten Parteien, für alle „stakeholder“: Die Investoren schauen, dass sie maximal Geld rausholen. Das Management schaut, dass es maximal Geld rausholt. Die Arbeitnehmer schauen, dass sie maximal Geld rausholen. Und auch die Kunden und die Dienstleister solcher Unternehmen schauen, dass sie aus dem Ding maximal Geld abschöpfen. – Noch einmal: Solche „Unternehmen“, die eigentlich Gelderzeugungs- und Geldabschöpfungsmaschinen sind, sind Kriegsschauplätze. Jedes einzelne von ihnen. – Und das macht auch etwas mit den beteiligten Menschen, v.a. wenn sie sich dort länger im Kriegsgebiet aufhalten. Es formt sie. Denn wir Menschen sind „plastische Wesen“, allzu begabt darin, uns „den Umständen anzupassen“.

Man kommt also darin zusammen, nicht zusammen zu kommen, sondern ein Spiel der Egoismen zu spielen, in dem diejenigen verlieren, die glauben, dass dort ein anderes Spiel gespielt würde. Echte Gemeinsamkeit: Gibt es nicht. Man kommt auch nicht wirklich zusammen. Schließlich geht man ja eigentlich täglich höchst ungern hin und verabscheut im Grunde: Seinen Chef, seine Kollegen, seine Mitarbeiter, seine Kunden, seine Dienstleister. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, fühlt sich alles dort schmierig und eklig an. Am Meisten ekelt man sich vor sich selbst, vor dem, was man da täglich tut. Man kommt also nicht einmal mit sich selbst zusammen. In solchen Unternehmen.

Ebene 2: Wie wir rein physisch zusammenkommen, sprich: Wie wir „eingestellt“ werden

Die Ausdrücke „Einstellen“ und „Recruiting“ sind, rein sprachlich betrachtet, genauso verräterisch-treffend wie der Ausdruck „Vor-Gesetzter“.

Wir kommen hier zusammen: Aus Not. Weil wir Angst haben, das Angebot abzulehnen, und glauben, es kommt nichts mehr Besseres. Das Risiko ist uns zu hoch, also sagen wir „ja“. Oder: Weil wir glauben, wir müssten Karriere machen, um irgendwie auf der sicheren Seite zu sein, gegenüber den Erwartungen unserer Eltern, unserer Lebenspartner, unserer Kinder oder unserer eigenen Leere-Gefühle. Oder gegenüber den Unwägbarkeiten des Wirtschaftsgeschehens („möglichst schnell die Schäfchen ins Trockene bringen“).

Von Unternehmensseite ist es nichts anderes: Man hat kaum Zeit für „Bewerber“, Recruitung-Abteilungen sind grundsätzlich understaffed, wenn nicht irgendein überarbeiteter Manager oder der GF persönlich es „nebenher“ und „on top“ zu all dem machen, was sie sonst noch so tun. Zwar ist man sich grundsätzlich schon irgendwie bewusst, dass es wichtig ist, „wen wir uns da ins Haus holen“, operativ schlägt sich dieses Für-wichtig-halten aber niemals in Wirklich-wichtig-(sprich: richtig Zeit)-nehmen nieder.

Es wird sich nicht wirklich Gedanken gemacht, wen man gerade wirklich braucht. Es werden Unterlagen nur überflogen. Es werden die falschen Fragen gestellt. Es wird viel Zeit verdaddelt mit Überflüssigem, es wird Ge-Assessment und Ge-Case-Studied dass es ein rechtes Trauerspiel ist. Und dann wird aus Zeitnot und in fast allen Fällen auf der Grundlage irgendwelcher Halo-Effekte „eingestellt“.

Im Grunde ganz schlüssig, denn das Mitunternehmer-Verständnis in solchen Unternehmen geht ohnehin dahin, Menschen als austauschbare Rädchen zu betrachten, die funktionieren sollen. Also ist es im Grunde egal, wen man nimmt, Hauptsache er oder sie erzeugt nicht zu viel Reibung im Getriebe. – Würde man das konsequent nehmen, könnte man sich viel Aufwand sparen, den man heute bei der Anbahnung von Arbeitsverhältnissen betreibt. Aber irgendwie hat man da dann doch Angst, die an sich bestimmende Haltung konsequent durchzuziehen. – Man ummäntelt also auch hier, weil man das, was Sache ist in solchen Unternehmen, im Grunde gar nicht unverblümt ertragen kann.

Ebene 3: Wir wir uns einigen und Entscheidungen treffen in unserem Unternehmen

Wie kommen wir in Sachentscheidungen zusammen? – Auch hier die gleiche Antwort: Gar nicht. Es werden zwar vordergründig „Beschlüsse gefasst“, „Maßnahmen ergriffen“ und „Prozesse aufgesetzt“. Aber da keine Grundlage für Gemeinsamkeit besteht in den meisten Unternehmen (verkappte Raubgemeinschaften, man erinnert sich), kann auch in Einzelentscheidungen keine Gemeinsamkeit und keine echte Verbindlichkeit entstehen.

Was passiert dort also stattdessen?

Nachdem vordergründig entschieden wurde, beginnt jede einzelne der unbeteiligten Parteien, ihre eigenen Süppchen zu kochen. Oft tun das sogar die treibenden Kräfte hinter der jeweiligen Entscheidung, mindestens aber die, die die jeweilige Entscheidung „erlitten haben“ und sich nun große Mühe geben, den Anschein zu erwecken, sie mitzutragen.

Die Schauspielkunst hat Hochkonjunktur in unseren Unternehmen und ist eine Schlüsselqualifikation für Erfolg auf allen Ebenen.

Schön ist das nicht. Und anstrengend ist es auch. Unbefriedigend ist es auch. – Aber es ist: Scheinbar alternativlos.

Überhaupt ist mehr Schein als Sein in unseren Unternehmen.

Wie man es auch dreht und wendet: Will man, dass in unseren Unternehmen Unternehmer statt Mitarbeiter zusammenkommen, um gemeinsam zum Nutzen Dritter (der sogenannten „Kunden“) etwas auf die Beine zu bringen und täglich neu am Leben zu erhalten, dann kommt man nicht darum herum, dass ein Unternehmen mehr sein muss als nur etwas, das auf rein formalistischen Tauschverträgen beruht.

Wir brauchen beziehungsfähige Unternehmen. Unternehmen, die sich ihrer Großartigkeit und ihres echten Werts für die Menschheit voll bewusst sind. Und die genau von daher ihre Grenzen kennen, Demut kennen und bestimmte Geschäfte sehr gut anderen Unternehmen überlassen können. Die sich für die Erfüllung ganz bestimmter menschlicher Bedürfnisse zuständig fühlen und von daher ihren Fokus, ihre Richtung und ihren Sinn beziehen.

Unternehmen, in denen wir wirklich zusammen kommen können.

Es gibt sie auch heute schon, diese Unternehmen. Es sind nicht gar so viele, aber es gibt sie. Und diese Unternehmen beweisen durch ihr Dasein und Erfolgreich-Sein, dass echtes Unternehmertum sich voll mit „Wettbewerbsfähigkeit“ verträgt. Und diese Unternehmen können wirklich inspirierend sein für andere Unternehmen, gerade weil auch in ihnen nicht alles eitel Sonnenschein ist. Und es gibt bereits zahlreiche Initiativen, die „white lists“ solcher Unternehmen führen und sich damit beschäftigen, immer neue Unternehmen zu finden, die eine echte Arbeitsgrundlage haben.

Diese Unternehmen sind ganz anders als man sich das vorstellt, wenn man gerade im Moment Teil einer unternehmerisch verbrämten Raubgemeinschaft ist. Denn die Arbeit ist dort nicht weniger anstrengend (eher mehr). Aber sie macht deutlich mehr Freude und die Menschen dort sind mit ihrem gemeinsamen Unternehmen (das sie auch offen und ehrlich als solches empfinden) in gutem Kontakt. Sie sind mit ihren Kollegen, ihren Mitunternehmern in überwiegend sehr gutem Kontakt. Und sie sind immer und ohne Unterlass mit ihren Kunden in sehr gutem Kontakt. Sie pflegen gute „investor relations“ und langfristige, beidseitig erfüllende Beziehungen zu ihren Dienstleistern und Zulieferern.

Ja, diese Unternehmen gibt es.

Und es gibt keinen echten Grund, warum nicht alle Unternehmen der Welt so sein können. Zumindest habe ich bisher keinen stichhaltigen finden können.

Wir können in Untenrehmen zusammenkommen, in denen wir wirklich zusammenkommen und nicht nur zum Schein. Die ganze völlig unperfekte menschliche Natur mit ihren starken Schatten- und Licht-Seiten ist nicht in der Lage, das zu verunmöglichen. Das können nur wir selbst. Indem wir das Märchen glauben, nachdem „Arbeit nunmal so ist“ oder auch für uns ganz persönlich „eben nicht mehr drin ist.“ – Aber dann bekommen wir eben auch, was wir erwarten.

Die meisten arbeitenden Menschen nähern sich heute Unternehmen wie von der Liebe Enttäuschte, die beschlossen haben, „nie mehr zu lieben, um niemals mehr verletzt zu werden“. Zu erfüllten Partnerschaften führt diese Haltung nicht, wie wir alle wissen. Man muss kein naiver Romantiker sein, um seine Arbeit und sein Unternehmen zu lieben. Im Gegenteil: Die romantische Liebesvorstellung und der Zynismus reichen sich vielmehr die Hände zum Tanz.

Es geht vielmehr um dauerhaft erfüllte Partnerschaften mit und in Unternehmen. Um echte Liebe eben, mit all ihren Auf und Abs und all ihren Wechselfällen. Und diese dauerhafte Liebe ist – die meisten von uns wissen das – harte Arbeit und nichts weniger als romantisch.

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