Mitarbeiter, die nicht gut behandelt werden müssen

Ja, natürlich gibt es sie. Haufenweise.

Und es gibt Unternehmen, die systematisch auf ihnen aufbauen.

Beinahe täglich habe ich Menschen bei mir im Coaching, die sich in solche Zusammenarbeits-Systeme prima einfügen und sie am Laufen halten. – In der Regel haben sie ein paar der berühmten „Inneren Antreiber“ aus der Transaktionsanalyse im Nacken. Und darauf lässt sich prima aufbauen in Unternehmen.

Denn wenn einen Mitarbeiter seine inneren Antreiber im Griff haben (anstatt dass er sie nach belieben nutzen oder auch nicht nutzen kann), dann bedeutet das, dass er „gern und von sich aus über seine Grenzen geht.“ – Er schützt und beschützt sich nicht vor Unzumutbarkeiten, die ihm mittelfristig schaden (und damit langfristig auch seinem Unternehmen). Er „macht das gerne“ oder zumindest zeigt er äußerlich keine Anzeichen davon, dass für ihn irgend etwas nicht in Ordnung wäre, was gerade im Unternehmen läuft oder wie er gerade seinen Job zu machen hat.

Das ist natürlich toll. – Für manche Unternehmen.

Um zu verstehen, was uns dazu bringt, unsere eigenen Grenzen und Bedürfnisse derart gering zu achten, muss man sich schon auf einen Ausflug ins Vulgär-Entwicklungspsychologische einlassen. – Der oft angebrachte Verweis auf „ich bin nicht mehr der Jüngste und brauch halt das Geld“ reicht m.E. nicht. Denn nüchtern-analytisch betrachtet, haben Menschen, die solches mit sich machen und mit sich machen lassen VIELE Alternativen, innerhalb des aktuellen Jobs, innerhalb des aktuellen Unternehmens, und auch außerhalb von aktuellem Job und aktuellem Unternehmen.

Die Transaktionsanalyse (TA) zeichnet ungefähr folgendes Bild von einem Teil unserer Entwicklung: Sie sieht uns recht brutal wie Schallplatten, die in frühester Kindheit bespielt werden. Sie sieht uns so, dass durch Dauer und Intensität bestimmter Interaktionsformen, denen wir als Kindern ausgesetzt waren, bestimmte Rillen in uns eingekratzt wurden. – Dabei ist kein böser Wille am Werk von unseren Eltern, Erziehern, Lehrern und anderen Erwachsenen, mit denen wir als Kinder zu tun haben. Sie wollen in der Regel tatsächlich „nur das Beste für uns“. Und es ist oft auch weniger wichtig, was sie zu uns sagten, als wie sie sich uns gegenüber verhalten haben.

Das Entscheidende ist nun, wie solche Begegnungen mit Erwachsenen von den Kindern gesehen und erlebt werden. Denn ihre Sichtweise unterscheidet sich oft weit mehr von der Unseren als uns klar ist. – Kinder sind in einem Ausmaß von Bezugspersonen abhängig, das wir als Erwachsene gern verdrängen. – Nicht nur dass nahezu alles, was Kindern wichtig ist in einem Moment („kann ich einen Keks aus der Keksdose da oben auf dem Schrank haben?“) vom Goodwill der Erwachsenen abhängt. Nein, Kinder würden ganz einfach sterben, wenn Eltern und andere Erwachsene sich von ihnen abwenden würden. Es geht also um etwas wirklich Existentielles. Und Kinder fühlen das. Entgegen aller äußeren Renitenz und Rebellion und Trotz sind sie zu 100% auf Kooperation und Sich-gut-Stellen gepolt. Und dabei empfinden sie noch echte Liebe zu ihren Eltern. Kinder sind schon Wahnsinn!

Und so kommt es, dass die performativen, interaktiven Botschaften, die sie aus dem Verhalten ihrer geliebten Eltern und Erzieher ablesen zu glauben, für sie existentiellen Charakter haben. Die TA spricht hier auch von „bedingten Liebesbotschaften“: „Ich liebe Dich, wenn Du…“. Und das sogar oft in Fällen, wo die Eltern zu bedingungsloser Liebe tatsächlich in der Lage waren. Nur kam das beim Kind nicht so an, weil es einen ganz anderen Blick auf die Welt hat.

Nun gehen diese Botschaften nicht einfach weg, wenn wir „erwachsen und unabhängig“ sind. Sie bilden vielmehr eine fundamentale Grundlage unseres Verhaltens als Erwachsene, auf der wir aufbauen. Und – das ist das Entscheidende – auch die existentielle Note bleibt bestehen. So kommt es zu völlig „irrationalem Verhalten“ von uns als erwachsenen Menschen, situationsunangepasst, kostenintensiv, unflexibel – wie im Tunnel eben. Ein Beispiel: Habe ich den Treiber „Mach schnell!/Beeil Dich!“ recht ausgeprägt, ist es für mich eine unhinterfragte Existenzbedingung, durchs Leben zu hetzen. Es nicht zu tun ist von mir unbewusst gleichgesetzt mit Liebesentzug mit Verlassenwerden mit „Ich muss sterben“.

Wie gesagt: Das alles muss keine Sekunde unserer Bewusstsein durchlaufen, um zu wirken. – Und darauf lässt sich in Unternehmen gut aufbauen. Dort geht es ja oft darum, dass Menschen „intrinsisch motiviert“ sein müssen. Aber es macht eben einen Unterschied, ob ich auf die Getriebenheit von Menschen baue oder auf ihre gesunden, flexiblen, bewusst entscheidenden Anteile, die immer auch vorhanden sind.

Nur ist es nicht so, dass alle Mitarbeiter von sich aus verlangen oder auch nur zeigen würden, wo ihre Grenzen liegen und welche Bedürfnisse sie in Wahrheit haben. Solch ein „gesundes Verhalten“ ist vielmehr voraussetzungsreich in Unternehmen. Es ist harte Arbeit. Für das ganze Unternehmen. Daher sind bisher „Mitarbeiter, die nicht gut behandelt werden müssen“ eher die Regel als die Ausnahme in unseren Unternehmen.

Gewerkschaften und Betriebsräte sind für mich in diesem Zusammenhang eher eine Notlösung, eine Ausfallerscheingung, eine Kompensation für das, was eigentlich benötigt wird. Mit der TA gesprochen, entsprechen diese arbeitsrechtlich institutionalisierten Instanzen einem auf Dauer geschalteten „Rebellischen Kind“ im Unternehmen und führt nach meiner Erfahrung zu unproduktiven Gräben zwischen „Management“ einerseits und „Mitarbeitervertretung“ andererseits. Aber eben nicht zu Kooperation unter Erwachsenen.

Daher sind diese beiden an sich wertvollen Institutionen für mich mittlerweile eher „Teil des Problems“ als „Teil einer Lösung“. Sie stellen das Ungute auf Dauer und versuchen eben zu reparieren und aufzufangen, wo es gerade geht. Die Resultate dieses Arrangements sind eher traurig. Auf jeden Fall ist diese Notlösung kostenintensiv (im Sinne: hoher Aufwand, geringer Output) und sie basiert auf der Grundlage der Annahme, dass „die Arbeitswelt eben so ist“ und dass „Besseres eben nicht möglich ist“.

Ich denke auch nicht, dass Unternehmen nun reihenweise „Betriebspsychologen“ bräuchten, um uns alle solchermaßen durch unsere Kindheit in motivationale Schieflage gebrachten, „wieder ins rechte Glied zu schrauben“ (was sie ja auch gar nicht könnten). Aber es ist gibt eben große Unterschiede, was die Grundlage der Zusammenarbeit in Unternehmen ist:

Wenn wir Unternehmen haben, die ihre Zusammenarbeit auf (Geld-)Not, (Verlust-)Angst, Druck und Versprechen in der Zukunft aufbauen („stick and carrot“, „Zuckerbrot und Peitsche“), dann haben wir Unternehmen vor uns, die systematisch mit den inneren Antreibern arbeiten. – Und zwar bei allen, auch und gerade im „Upper Management“.

Und es gibt andere Unternehmen, die weitaus mehr die gesunden, erwachsenen Anteile ihrer Mitunternehmer triggern. Und zugleich durchaus auch mal kollektiv einem ihrer Kollegen aufs Dach steigen, wenn der mal zu sehr auf einem seiner inneren Antreiber abgeht und sich da selbst nicht mehr einkriegt. – „Das Gegengift“ zu den Inneren Antreibern: Die „Inneren Erlaubnisse“ wird man in solchen Unternehmen wesentlich häufiger, offener und kraftvoller antreffen als in jenen Unternehmen, die faktisch vorhandene Ängste als ein 1a-Motivationsmittel benutzen.

Für all das braucht es keine Psychologie. Oder zumindest nicht mehr als wir alle im Alltag sowieso praktizieren. Es braucht lediglich Klarheit und Entschiedenheit in der Frage, wie wir in unseren Unternehmen zusammenarbeiten wollen und ob „Arbeit“ ein Kontext sein soll, der uns gut tut, oder einer, der uns kaputt macht.

Denn kaputt gehen Menschen, die ihre Antreiber nicht nach und nach in den Griff kriegen und relativieren können.

Das sehe ich in meiner Praxis täglich.

P.S. Wer selbst etwas mit seinen Antreibern machen möchte, ohne sich dafür gleich einen Coach oder Psychotherapeuten zu suchen, dem sei dieses Übungsbuch empfohlen. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der TA, mit der man gut für sich alleine experimentieren kann. Es ist allerdings kein Lesebuch, sondern entfaltet seine Wirkung nur, wenn man die Übungen darin wirklich ernstnimmt und durcharbeitet. Sollte einem genau das schwerfallen, ist man womöglich doch besser aufgehoben bei einem Menschen, der einen auf Zeit gezielt dabei begleitet, sich zu entspannen und die Kräfte hinter den eigenen Antreibern kennen zu lernen und zu genießen.

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