Die Natur, die wir selber sind

„Artgerechte Haltung von Menschen in Unternehmen“ war ein Slogan, mit dem ich mal vor einigen Jahren losgezogen bin. – Vor ein paar Tagen fühlte ich mich wieder sehr an diesen Slogan erinnert, bei einem Besuch auf „Gut Aiderbichl“ in Iffeldorf. Dort, wo Tiere, die „nicht mehr gebraucht werden“, die „entsorgt werden sollten“, kann man auch sich selber wieder neu begegnen. Ähnlich wie bei kleinen Kindern fällt es uns leichter, mit geschundenen Tieren Mitgefühl zu empfinden als mit geschundenen Menschen. Vor allem dann, wenn es nicht gerade wir selber sind, die diese Tiere  „gebrauchen und entsorgen“.

Es ist wohl ein offensichtliche Machtgefälle, gepaart mit Abstand, das uns Mitgefühl leichter macht. Wenn wir uns selbst unbedroht fühlen, dann kann großes Mitgefühl in uns hochsteigen, und wir haben Impulse, unmittelbar zu helfen und Missständen, unter denen „die Schwachen“ leiden, abzuhelfen.

Spannend ist aber auch, wie wenig Mitgefühl wir mit uns selbst empfinden, da wir uns selber oft in ähnliche Käfig- und Nutzungshaltungen begeben und sie mit der Zeit als so völlig selbstverständlich empfinden, dass wir uns „ein Leben in freier Natur“ in „artgerechter Menschenhaltung“ gar nicht mehr vorstellen können.

Zugegeben, diese Sprachkonstrukte hinken gewaltig. Mindestens zwei Pferdefüße kann man hier finden:

Einmal ist der Mensch „das plastische Wesen“, ein Wesen, das so flexibel und formbar ist, dass man manchmal glauben könnte, er „hätte gar kein Wesen, gar keine Natur“. – So überformbar ist diese Natur, dass wir, wenn wir auf verschiedene Kulturen (andere Zeiten und Orte) schauen, oft überrascht, geschockt, angeekelt oder auch einfach fasziniert sind.

Zum Anderen „halten“ Menschen heutzutage – da offizielle, eindeutige Sklaverei die Ausnahme geworden ist – keine anderen Menschen. Die „Gehaltenen“ sind mehr oder minder freiwillig dort, wo sie vernutzt und misshandelt werden. Ja, oft mangels echter Alternativen. Oder mit subtileren Ketten, die der Gewohnheit, der Ängste, der zwischenmenschlichen, persönlichen Bindung, der leeren Versprechen, der falschen Hoffnungen, der faulen Kompromisse. – Aber eben auch ohne physische Ketten und Käfige, so dass es mindestens gewagt scheint, von „Menschenhaltung“ zu sprechen.

Wenn man dann aber wie ich, vielen, vielen Menschen begegnen darf, die gerade frische aus Arbeitsverhältnissen kommen oder tief in ihnen feststecken, dann sieht man überdeutlich, was „déformation professionnelle“ heute heißt. – Und da kommt, zumindest bei mir, schon die Frage auf, was wir uns da antun und ob das wirklich „artgerecht“ ist.

Denn man kann durchaus sinnvoll von einer „Natur, die wir selber sind“ sprechen im Zusammenhang mit unseren Unternehmenswelten. – Auch wenn wir Menschen beinahe unendlich flexibel sind („man gewöhnt sich an alles“), gibt es universelle Bedürfnisse, die wir alle haben. Und es gibt typische Reaktionsmuster, die wir an den Tag legen, wenn wir bestimmte Bedürfnisse dauerhaft nicht befriedigen können und wir in bestimmter Hinsicht dauerhaft unterversorgt sind.

Man könnte das auch „unsere Tiernatur“ nennen, sozusagen ein Betriebssystem, das wir mit den meisten anderen Säugern gemein haben, auch wenn bei uns eine Menge „typisch menschliche“ Programme mitinstalliert sind, die wir bei kaum einem anderen Tier in diesem Ausmaß finden können. (Ebenso kann man von einer „Pflanzennatur“ sprechen, nicht von ungefähr benutzen Biologen und Mediziner den Ausdruck „vegetatives Nervensystem“).

Bewegend sind auf Gut Aiderbichl viele Geschichten. Besonders bewegend waren für mich und meine Familie aber die Geschichte von den Versuchs- und Labor-Schimpansen, die nach 30 (!) Jahren Käfighaltung zum ersten Mal ins Freie gelassen wurden, die nie zuvor die Sonne gesehen hatten, die gewohnt waren In Köfigen von ca. 1,5 mal 1,5 Metern zu leben, ohne echte soziale Kontakte, weder zu anderen Schimpansen, noch zu menschlichen Tierpflegern.

Und mich, mich erinnern diese Tiere durchaus an jene Menschen, die „nach 30 Jahren Karriere im Konzern“ plötzlich freigesetzt sind. Ihre sozialen Kontakte außerhalb dieses Gebildes haben oft das Wort „Beziehung“ nicht verdient und die automatisierten Reiz-Reaktionsmuster (die wir alle haben, wenn wir in stabilen Umwelten leben) sind an „jene Welt“ perfekt angepasst, aber gerade darum um so trauriger. Diese Menschen machen den Eindruck, unlebendig, orientierungslos und mit sich selbst völlig unverbunden zu sein. Fragen nach eigenen Bedürfnissen und Gefühlen können sie nur sehr indirekt beantworten und sind oft irritiert, wenn sie überhaupt danach gefragt werden. Sie reagieren oft aggressiv (natürlich auch das auf „sozial angepasste Weise“), aber nicht, weil sie „einen bösartigen Charakter haben“, sondern weil sie sich hilflos fühlen und weil sie es aus ihrer alten Welt gewohnt sind, dass es dramatisch unangenehme Folgen für sie hat, wenn sie ihre Hilflosigkeitsgefühle überhaupt einmal offen zeigen. Da ist Angriff oft die beste Verteidigung, denn nicht viele in jener bemerken hinter den sozialkompatiblen Angriffen die Hilflosigkeit, oder interessieren sich für die Angst und die Trauer dahinter.

Was auch immer „unsere Natur“ sein mag: Was in vielen unserer Unternehmen mit uns passiert, ist ganz sicher keine „artgerechte Umwelt“ für uns. – Es fehlen im Kern: Abwechslung (um die plastische Seite unseres Gehirns und Körpers leben zu können), echte zwischenmenschliche Verbundenheit, emotionale Sicherheit und Geborgenheit, Zugehörigkeit, nicht-manipulative, echte Anerkennung, Vertrauen, authentischer Selbstausdruck, und noch vieles andere Universal-Menschliche mehr.

Unser Bewusstsein über Umwelt-, Natur-, und Tierschutz ist nach meinem Empfinden bereits sehr weit entwickelt, gerade auch hier in Deutschland. – Ich frage mich aber manchmal, wann in unseren Blick kommt, dass wir selbst „auch ein Stück Natur sind“, dass wir nicht außerhalb der Natur stehen, sondern ein Teil von ihr sind. Ein wirklich besonderes Teilchen zwar, ein wirklich eigenartiges zwar, aber nichtsdestoweniger einfach ein bestimmtes Stückchen Natur mit Eigenarten, wie auch alles andere in der Natur seine Eigenarten hat.

Und ich frage mich: Wann kommt in unseren Sinn, dass wir selbst genauso „Naturschutz“ verdient haben? – Schutz vor uns selber. Schutz davor, dass wir nicht völlig verformt und vereinseitigt werden. Schutz davor, dass wir echte Verbindungen zu anderen Menschen und unserer Umwelt um uns herum verlieren, weil unsere Bedürfnisse in unseren Unternehmen von uns selbst mit Füßen getreten werden?

Aber so einfach ist es eben nicht, wenn es um uns selber geht. – Wir sind es eben selbst, die die für uns relevanten Umwelten schaffen, gemeinsam mit anderen.

Andere Naturwesen zu schützen ist stets leichter als sich vor sich selbst zu schützen und sich „die eigene Natur zu bewahren“.

Dennoch ist „Artgerechte Menschenhaltung in Unternehmen“ sicher etwas, das Sinn macht, dass wir es im Blick behalten, und dieser Blick geht sinnvollerweise über „Fragen der Arbeitssicherheit“ hinaus und auch über diejenigen Anliegen, die Gewerkschaften und Betriebsräte normalerweise vertreten.

Da wir Menschen sind und nicht nur Tiere, haben wir hier aber auch andere Möglichkeiten, die wir im Zusammensein mit geschundenen Tieren nicht haben. Wir können uns selbst und unsere Kollegen und Mitunternehmer fragen: „Was brauchen wir eigentlich gerade?“ – „Was brauchst Du jetzt hier in diesem Moment, damit es Dir gut geht, damit Du die gute Arbeit leisten kannst, zu der Du in der Lage bist? – Was brauche ich selber wirklich?“.

Unternehmen, in denen solche Fragen echten Raum haben, in denen sie nicht vorschnell beantwortet werden, in denen Zeit für sie ist, in denen der nicht schräg angesehen, belächelt, angegriffen, gemieden oder gar gemobbt wird, der sie stellt, in diesen Unternehmen ist „die Natur, die wir selber“ meines Erachtens gut aufgehoben.

Menschen, die in solchen Unternehmen arbeiten, sind in der Lage, auch außerhalb des Unternehmens bessere Beziehungen einzugehen und zu führen. Dauerhaftere, tiefere Beziehungen. – Sie interessieren sich mehr für ihre Umwelt, für die anderen Menschen und auch alles andere Lebendige darin. – Warum? – Weil sie den Kontakt zu dem nicht dauerhaft verloren haben, „was in ihnen selbst lebendig ist“. Nur Menschen, die sich lebendig fühlen, die mit ihren eigenen Bedürfnissen in gutem Kontakt sind, können sich auch für die Bedürfnisse Anderer uneigennützig und auf wirklich offene Weise interessieren.

Unternehmen, in denen es uns selbst wirklich gut geht, in denen wir Raum haben, sind daher per se ein Beitrag zum Umwelt- und Naturschutz. – Und es sind wir selbst, die solche Unternehmen schaffen und am Leben erhalten. Oder eben nicht. Es ist unsere eigene Entscheidung.

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