Was „dienen“ für uns wirklich heißen kann

Nicht ganz unwichtig, finde ich, wenn wir nach dem gehen, wie oft wir von „Dienstleistungen“ sprechen in Zusammenhang mit unseren Unternehmungen.

„Dienen“, das hat heutzutage so einen altertümlichen touch. Jedenfalls ist das Erste, was mir dazu einfällt, der „Dienst beim Bund“, beim Militär. – Die zweite Assoziation ist Unterordnung, also irgendwas in der Nähe von Sklaverei, was unsere Würde beschädigt und unser Autonomiebedürfnis dauerhaft verletzt.

Ich möchte „dienen“ hier einmal aber völlig anders verstehen: Erstens als völlig freiwilligen Akt, etwas, was wir tun, oder aber auch lassen können, und was daher auf unseren völlig eigenen Entschluss zurückgeht, ohne auch nur einen Hauch von Fremdbestimmung. Zweitens als etwas, das durchaus auf Dauer angelegt ist, was mit Verantwortungsübernahme in einem sehr umfassenden Sinn zu tun hat. Und drittens als etwas, dass ganz weit weg von unseren ganzen Ego-Kisten (oder besser gesagt: Unzulänglichkeitsgefühls-Kompensations-Aktivitäten) ist, mit denen wir sonst so oft im Wirtschaftsleben unterwegs sind.

Wie ich grade heute dazu komme, möchte ich auch nicht unerwähnt lassen, obwohl das möglicherweise für einige etwas schräg ist, für einen Teil von mir selbst ist es das übrigens auch, dass derartige Querverbindungen in meinem kleinen Kopf zustande kommen: Die Inspiration für diesen Artikel hier stammt aus dem derzeit in den Kinos laufenden Kinderfilm „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ (Englisch wie so oft treffender: „How to train your dragon“). – Die Verbindung: Auch hier geht es an vielen Stellen um den „Dienst für ein größeres Ganzes“ und um die dramaturgisch spektakulär dagegen gestellte Haltung: „Ich mache etwas Großes zu einem Teil meines Egos und werde dadurch stark und unverletzlich.“

Zugegeben: Nur wenige unserer Unternehmen sind in einem Zustand, dass man auf der Stelle Lust hat, sich in ihren Dienst zu stellen. Und noch weiter sind viele Unternehmen davon entfernt, für uns als ein „größeres Ganzes“ erkennbar zu sein, das „unseren Dienst verdient hat“. – Aber potentiell, und darum geht es mir hier, könnte nahezu jedes Unternehmen so etwas sein.

Denn Unternehmen sind im Kern selbst lebensdienliche Gebilde, zusammengesetzt aus unseren Aktivitäten, die in ihnen zu etwas zusammenfließen, was so sonst niemals entstehen, bestehen und wiederum anderen (den Kunden) dienen könnte.

„Dienen“ in dem Sinn, wie ich ihn bei lebensdienlichen Unternehmen für möglich halte, ist verbunden mit dem Gefühl, das ein guter Gärtner hat, wenn ihm ein Garten geschenkt wird, um den er sich kümmern darf: Es ist ein Haufen Arbeit, der Garten wird ihn ständig auf Trab halten, immer wieder wird es zu neuen „Zwischenfällen“ kommen (Pilzbefall, andere Schädlinge, Behörde droht mit Abholzung oder neuen Verordnungen, Wetterkatastrophen, Nachbars Kinder zertrampeln das Tulpenbeet auf der Suche nach ihrem Fußball, etc.). Aber da der Gärnter mit dem sichtbaren, fühlbaren Wohlergehen „seiner“ Blumen, Sträucher, Bäume und anderen Pflanzen „belohnt“ wird, hat er nicht das Gefühl, dass er sinnlos schuftet oder gar das er ein bemitleidenswerter Mensch wäre. – Eher bemitleidet er selbst diejenigen Menschen, die gerade „keinen Garten haben“, der ihre Fähigkeiten fordert, der ihr Denken und Fühlen sinnvoll kanalisiert und der zu einer positivem Verbundenheit mit der Welt durch ihr eigenes Handeln führt.

Vor allem aber wird ein richtig guter Gärtner selten das Gefühl haben, der Garten gehöre wirklich ihm. Wenn er wirklich „dient“, dann ist ihm in jedem Moment bewusst, dass ihm da etwas geliehen und anvertraut ist, dass ihn grade im guten Fall überdauern wird. – Ähnlich wie es „gute Eltern“ empfinden, die auch davon beseelt sind, dass „ihre“ Kinder ihnen keineswegs gehören, sondern dass sie sie begleiten und sich in ihren Dienst stellen dürfen. – Oft auch gegen das, was die Kinder vordergründig gerade zu wollen scheinen. – Und ihre Kinder lieben sie dafür, dafür, dass sie auf diese Weise für sie da sind, ihnen ihre volle Aufmerksamkeit schenken und ihnen eben „dienen“.

Ich glaube, dass wir in unseren Unternehmen mehr solche vollwertigen „Diener“ brauchen. Diener, die im Herzen eigentlich Könige sind. Denn auch gute Könige wissen, dass „ihr Reich“ ihnen nur auf Zeit anvertraut ist, dass sie es schützen und – nach Möglichkeit – sein Gedeihen fördern sollen, „mit allem was darin ist“. – Ihre Würde beziehen gute Könige von Ihrer täglich neu erarbeiteten Haltung gegenüber dem her, was ihnen anvertraut ist und dem sie dienen. Sie beziehen „ihre Königswürde“ nicht aus sich selbst (wie bei Diktatoren), nicht weil sie ihnen verliehen wurde (wie bei anderen Diktatoren).

Im Grunde nehme ich an, dass „dienen“ fast ein Synonym für „lieben“ ist. – Es ist eine der schönsten Arten, mit der eigenen Welt und all den anderen Diener-Königen in ihr verbunden zu sein.

Aber auf anderer Seite brauchen wir für solche Beziehungen in unserer heutigen Wirtschaftswelt eben auch Unternehmen, die eine solche Liebe überhaupt verdienen, und die in der Lage sind, sie auf passende Weise zu beantworten. – Lebensdienliche und bedürfnisfokussierte Unternehmen eben.

Und – um einem verbreiteten Missverständnis gleich hier und jetzt offen gegenüberzutreten: Wir ALLE sind in diesem Sinne solche Diener-Könige, nicht nur „einige wenige herausragende Menschen, geschaffen, die anderen anzuleiten und zu führen.“ Dieses sehr traurige Konzept hat nach meinem Dafürhalten im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren. Viel zu viele wertvolle, ja ich möchte sagen: prachtvolle Ressourcen werden durch dieses Konzept vergeudet, auf beiden Seiten: Auf Seiten „der Führenden“, genauso wie auf Seiten „der Geführten“.

Wenn man daher auch heute noch unbedingt von „Führung“ sprechen möchte, sollte man zwingend mitanführen, dass es heutzutage nur noch Führungskräfte gibt, dass wir alle Führungskräfte sind, ohne Ausnahme und ganz gegen den äußeren Anschein, den das Verhalten einiger von uns manchmal nahelegen kann. – Besser ist es aber, wir lassen die Rede von „Führung“ gleich ganz bleiben und dadurch allmählich in unserer Vergangenheit versinken – sie führt nur zu unnötigen Verwirrungen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s