Konsequentes Überstundenverbot für alle Mitarbeiter, auch und vor allem für die Geschäftsführer

Ich höre innerlich schon die zahlreichen „Das geht doch nicht“ und „Als Verbot kann ich mir das nicht vorstellen“, die ich ernten werde, wenn ich damit an Unternehmen herantrete und mich für diese Idee einsetze.

Es gibt aber zahlreiche Möglicheiten, wie man so etwas auch in solchen Unternehmen einführen kann, in denen man an Überstunden gewöhnt ist, in denen sie die Regel sind oder sogar als Auszeichnung (demonstration: I work really hard!) empfunden werden:

Aber erst mal – wie ist das gemeint?:
– Sämtliche Arbeitsstunden, die über im Arbeitsvertrag festgelegte Wochenzahl hinaus gehen, werden spätestens in der Folgewoche abgebaut.
– Das wird als kulturelle Selbstverständlichkeit etabliert, die von Geschäftsführern und Führungskräften aktiv vorgelebt und von ihren Mitarbeitern eingefordert wird („geh nach Hause“ bzw. „mach jetzt mal was anderes“ bzw. „Du kannst das jetzt mal ruhig liegen lassen, wir kommen schon klar“).
– Bei Zuwiderhandlung drohen keine Konsequenzen / Sanktionen, aber die „Gefahr“, das man darauf angesprochen wird.
– In absoluten Notfällen sind Ausnahmen möglich, aber es muss darüber gesprochen werden, warum genau das jetzt unvermeidlich ist, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Die normalen Formen von „Dringlichkeit“, die wir aus Unternehmen kennen, gelten nicht als Grund. Weder internationale Calls noch superwichtige Kundentermine. Dies kann alles im Rahmen der vereinbarten Arbeitszeit geregelt werden, sofern die üblichen Möglichkeiten von Vertagung und Delegation + Klare Kommunikation & Gewöhnung an die Unmöglichkeit von Überstunden genutzt werden
Als Prüffragen für sich selber, ob es sich wirklch um einen Notfall handelt, schlage ich vor – in dieser Reihenfolge: „1.) Was passiert im schlimmsten Fall, wenn ich jetzt etwas anders tue als weiterzuarbeiten? 2.) Was halte ich für wahrscheinlich, was wirklich passieren wird? 3.) Wenn ich das nicht mache, wer wird sich dann wahrscheinlich der Sache annehmen, selbst wenn ich sie nicht aktiv delegiere? 4.) Wie schlimm ist der Schaden für das Unternehmen, wenn ich jetzt nach Hause gehe auf einer Skala von 1-10, wobei 10 die sofortige Insolvenz ist und 1: „Kein Mensch auf Gottes weiter Welt würde jemals irgend eine Folge bemerken?“ — Bleibt man nach diesen Fragen bei der internen Skalenabfrage unterhalb von 9 kann man guten Gewissens und ohne sich weitere Gedanken zu machen anfangen, sich Aktivitäten zuzuwenden, die nichts mit dem eigenen Unternehmen zu tun haben.

  • Warum sollten Unternehmen so eine Keinerlei-Überstunden-Kultur einführen?:
    –> Möglichkeit zu echter Regeneration der MA ist ein Anliegen der Unternehmen: Weniger Fehler, weniger Krankheit, weniger Burnout, höheres Commitment gegenüber dem Unternehmen, geringere negative Fluktuation, ausgeglichenere Mitarbeiter, da intaktes Privatleben möglich, etc.
  • Was ist mit der derzeit populären und scheinbar modernen Verabschiedung von der Präsenzarbeitszeit?
    –> Es gibt viele Möglichkeiten, keinerlei Überstunden zu machen, aber dennoch nicht in die Strukturen altertümlicher Arbeitszeit-Verwaltungen mit Stechuhr zu verfallen. Das Kernelement dabei ist: Jeder MA entscheidet selbst, was er als Arbeitszeit wertet und was nicht, egal ob er dabei im Büro, beim Kunden, zu Hause unter der Dusche oder im Auto ist. Wenn er sich mit der Arbeit beschäftigt, und sei es eine Viertelstunde, kann dies ohne äußerliche Rechtfertigung als Arbeitszeit gewertet werden.
    –> Das zweite Kernelement ist: Ich gehe davon aus, dass Menschen echte Abwechslung, echte Pausen und vor allem in jeden Fall soziale Kontakte außerhalb des Unternehmens brauchen, um dauerhaft einen richtig guten Job für ihr Unternehmen zu machen. Dafür braucht man vor allem eins: Zeit. Ohne echten Zeitinvest sind keine Beziehungen von tieferer Qualität möglich, egal was z.B. in Erziehungsratgebern über „Qualtitätszeit“ steht und dass es gar nicht so wichtig sei, wie viel Zeit man mit seinen Kindern verbringt. Jede Überstunde kratzt also an der Tiefe der Beziehung, die man außerhalb seines Unternehmens pflegt. Ähnlich wie Mitarbeiter ihren Unternehmen schaden, wenn sie krank zur Arbeit kommen, schaden sie ihrem Unternehmen kurzfristig (Fehler durch nachlassende Konzentration oder Kreativität) oder langfristig (latent arbeitsbedingte Krankheiten), wenn sie Überstunden machen.
  • „Ich arbeite aber so gern, das Unternehmen ist so spannend, ich bekomme da so viel zurück, es ist aber wichtig, dass ich…, ich fühle mich aber gut mit einer 60 Std. Woche, etc.“
    –> Mögliche Antwort eines Unternehmens, das ein Überstundenverbot hat oder einführt: „Wir gehen davon aus, dass es jedem Menschen mittelfristig gut tut, immer mal wieder seine grundsätzliche Ersetzbarkeit in seiner Funktion zu erleben, weil es ihn von gefühlter Überverantwortlichkeit entlastet und weil es dazu führt, dass er als Mensch auch noch unabhängig von seinen Aufgaben bei uns existiert und wertvoll ist. Das heißt auch: Es tut gut zu erleben, dass ein Nebenmann einspringt oder dass sich Probleme anders als durch seinen persönlichen erhöhten Einsatz lösen. Wenn Sie sagen, dass das bei Ihnen anders ist, sind wir nicht sicher, ob wir ein Unternehmen sind, das zu Ihren Bedürfnissen und Zielen passt. Wie sehen Sie das?“

[Der Artikel ist eine leicht gekürzte und überarbeitete Fassung eines Artikels, der erstmals am 09.08.2012 im Rahmen der „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ auf Xing erschienen ist]

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