Das Konzept der „Karriere“ in Unternehmen

„Geteiltes Leid ist halbes Leid. – Geteilte Freude ist doppelte Freude.“ – So sagt man manchmal.

Wenn ich an dieses Sprichwort in Zusammenhang mit unseren Unternehmen denke, und dem, was dort manchmal so los ist, muss ich zusätzlich an jene bekannte Geschichte denken:

„Ein Rabbi bat Gott einmal darum, Himmel und Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elias als Führer mit auf den Weg. Elias führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Rundum saßen Menschen mit langen Löffeln und schöpften alle aus dem Topf.
Aber sie sahen blaß, mager und elend aus. Es herrschte eine eisige Stille. Denn die Stiele ihrer Löffel waren so lang, dass sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten. Als die beiden Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle.

Daraufhin führte Elias den Rabbi in einen zweiten Raum, der genauso aussah wie der erste.
In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen.
Die Menschen hatten auch alle lange Löffel in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben.
Dieser Raum war der Himmel.“  (Zitiert nach diesem Link hier)

Und aus diesem Grund, weil Unternehmen Hölle, aber auch Himmel sein können, aus diesem Grund bin so ein entschiedener Gegner des Konzepts der Karriere: Es stellt interne Konkurrenz auf Dauer und sorgt dafür, „dass wir einander den Löffel nicht reichen können.“ – Nicht können, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen. – In „Karriereunternehmen“ ist wechselseitige Hilfe, Verbindung und geteiltes Leid und geteilte Freude verknüpft mit einer Art Märtyrertum: Man macht es auf eigene Rechnung, man muss es mit hohen Kosten tun, und daher ist dort damit auch nicht verlässlich zu rechnen. Eher ist mit dem Gegenteil verlässlich zu rechnen: Missgunst, Neid, Intrigen, Reibung, Streit, Grabenkämpfe, etc. – Aber eben aus „systemischen Gründen“, nicht aus persönlichen, und schon gleich gar nicht, „weil der Mensch eben schlecht ist“.

„Homo homini lupus, homo homini deus“ schrieb ein Philosoph schon vor über 350 Jahren, der die entsetzlich grausamen Massaker der europäischen Religionsbürgerkriege erlebt hatte. Und es scheint, als hätten wir bis heute nicht verstanden, was dieses Nebeneinanderstellen dieser beiden Sätze eigentlich sagen will. Nach meinem Dafürhalten: Dass man die Umstände so gestalten kann, dass wir gut zueinander sein KÖNNEN. – Denn das Gegenteil ist unter entsprechenden Umständen genauso jederzeit möglich.

Das merkt man überdeutlich, wenn man mal Teil eines Bürgerkriegs war, in dem der freundliche Nachbar von gestern mir heute das Schlimmste antut. Das kann man aber auch merken, wenn man heute Teil von Karriereunternehmen ist und sieht und erlebt, was das aus guten, gebildeten, selbstreflektierten Menschen machen kann. – Die direkte Nebeneinanderstellung der Sätze „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ und  „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott“ ist eine Aufforderung, die Umstände, unter denen wir zusammen sind, aktiv zu gestalten. Und zwar so zu gestalten, dass es uns nicht mehr schadet, wenn wir unserem durchaus vorhanden natürlichen Hang zur Hilfsbereitschaft und Verbundenheit nachgehen. – Es ist ein Optimismus, dass wir in der Lage sind, diese Umstände in diese Richtung zu gestalten. – Es ist eine Hoffnung, dass diese Veränderbarkeit unserer sozialen Umstände  durchaus im Bereich des durch uns selbst Beeinflussbaren liegt.

Was mir selbst vor allem anderen Hoffnung macht: „Die soziale Form“ des Unternehmens ist jung. Wir vergessen das oft, tun so, als habe es schon immer „Unternehmen“ gegeben. Doch das ist nicht wahr. Unternehmen im heutigen Sinne gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Gut 150 Jahre vielleicht gibt es „Unternehmen“. Das ist ein Nichts, angerechnet auf die Kulturgeschichte und noch weniger mit Blick auf die Menschheitsgeschichte. Davor gab es Handwerksbetriebe, gab es Stände, gab es Dörfer, Städte, Stämme, Völker. – Aber es gab keine Unternehmen.

Wir lernen also noch, wir machen Anfängerfehler, die normal sind, die dazu gehören. – Als wir Unternehmen erfanden, waren wir hilflos. Wir blickten auf das, was wir damals kannten, z.B. auf Kirche (mit Hierarchien, mit klar abgegrenzten Rollen und Zuständigkeiten) und auf das Militär (ebenfalls mit Rängen und Titeln, mit „Recruiting“, mit Befehlsketten, usw.). Wie gesagt, wir waren hilflos und ahnungslos und nahmen das nächstbeste, was uns einfiel und was uns damals als Inspiration zur Verfügung stand.

Ich glaube nicht, dass das Konzept der „Karriere“, mit all dem, was es heute leistet, ein Zukunftsmodell ist. Es leistet: Gehorsam, Verbindlichkeit, Bindung überhaupt, Kompromissbereitschaft, Ansporn in harten Momenten, Zurückhaltung in den gleichen und anderen harten Momenten, und vieles mehr.

Aber es schädigt. Nicht nur die Menschen, vielmehr noch die Unternehmen selbst. „Karriere“ ist kostspielig. Und dabei denke ich noch nicht mal in erster Linie an die Gehälter und die ständigen Kämpfe um ihre Erhöhung bzw. ihr Dumping. – Ich denke dabei an das, was unseren Unternehmen entgeht an Information: Die nicht dahin fließt, wo das Unternehmen diese Information gerade bräuchte, weil es für den, der sie hat im Unternehmen, sehr bedrohlich ist, diese zu teilen: Jemand könnte sich angegriffen fühlen, bedroht, beschädigt in seinem eigenen Karrierestreben oder in seiner eroberten Position. Jemand könnte auch die Information für sich reklamieren, versäumen, auf mich zu verweisen, obwohl es mich vielleicht viel gekostet hat, diese für mein Unternehmen wertvolle Information zu erlangen. – Das lernt man schnell. Um so schneller, um so naiver man vordem war mit dem Teilen von Informationen, „denn ich dachte, wir arbeiten hier doch zusammen…“.

Ich denke dabei auch an die Kraft, die Energie, die einem Unternehmen fehlt, das versucht, Zusammenhalt über „Karriere“ und „Karriereversprechen“ herzustellen: Die fehlende Verbundenheit, die fehlende echte gemeinsame Freude, die soviel Kraft freisetzt bei uns Menschen, einfach so, „wie wir nunmal gebaut sind“. Die fehlende Kraft, die durch Trauer frei wird, die aber keinen Raum haben kann, in einem solchen Unternehmen, wo man selbstverständlich „positiv“ sein, und zwar immer, wenn man auf Dauer ein angenehmes Leben dort haben will. Die fehlende Kraft, die dadurch verloren geht, dass man sich in solchen Unternehmen aus Klugheit verstellen muss, nicht mehr man selbst ist, sondern täglich eine Maske aufsetzt, eine, die für einen gut funktioniert in diesem Unternehmen. Ja, das kostet viel Kraft, auch wenn wir es schon nach erstaunlich kurzer Zeit nicht mehr bewusst merken (aber unser Körper, der merkt es, und er vergisst nichts!).

Wie gesagt, ich glaube nicht, dass „Karriere“ eine große Zukunft hat. Manchmal hoffe ich, dass das krankmachende und leistungssenkende Konzept der „Karriere“ den Höhepunkt seiner Karriere schon hinter sich hat.

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