Der Sinn meiner Arbeit – Wie sag ich’s meinem Kinde?

Eine der größten Herausforderungen, vor denen man heute als Berufstätiger steht, ist die, seinen Kindern irgendwie nachvollziehbar zu machen, was man da überhaupt so tut, wenn man „in der Arbeit ist“. – Außer natürlich man macht „Home office“… ,…DANN ist den eigenen Kindern unmittelbar klar, was „Arbeit“ bedeuet: Man hockt vor dem Device, ist kaum ansprechbar und öfter mal genervt und schlecht gelaunt.

Was vielleicht daran etwas ändern könnte, ist, wenn uns selbst überhaupt wieder der Sinn unserer Arbeit etwas unmittelbarer klar wird und in den alltäglichen dos and tasks and goals and processes gegenwärtig ist:

Im Kern, im Herzen unserer Arbeit steht ein Dienst, ein Tätig-sein für Andere. Klingt erst mal ziemlich fremdbestimmt, also ziemlich genau nach dem, wie wir das oft „in der Arbeit“ oder „bei der Arbeit“ erleben.

Dass das sich aber auch ganz anders anfühlen kann, vergessen wir öfter mal. „Dienst am anderen“, ja, das IST Fremdbestimmung. Aber dass es so etwas gibt wie „freiwillige Fremdbestimmung“, die noch dazu überaus erfüllend und befriedigend sein kann, eben DAS vergessen wir öfter mal, wenn wir überhaupt je so darüber gedacht haben.

„Arbeiten“ so möchte ich umverstehen, kann sein: Dienst am anderen, am Kunden, bzw. genauer Dienst an ganz bestimmten Bedürfnissen, die „meine“ Kunden haben.

Und „Zusammenarbeit in einem Unternehmen“ das lässt sich verstehen als: „Wir tun uns zusammen, weil wir gemeinsam besser für diese Bedürfnisse da sein können und gemeinsam mehr Erfüllung erleben als wenn wir das alleine tun würden“ (also ganz weit weg von Skalierungseffekten und Kosteneinsparungen als Gründe für „Organisation und Zusammenschluss“).

Klingt immer noch ziemlich abstrakt und damit völlig „kinderunverständlich“?

Wie wär’s dann z.B. damit?:

„Ich arbeite in einem dm drogeriemarkt. Den gibt es, damit man dort bestimmte Sachen bekommt, die man im Alltag braucht und sich nebenher auch noch beim Einkaufen wohlfühlt. Dafür, dass die Leute das kriegen, bin ich da, arbeit ich dort. – Dann gibt es da noch andere bei dm, Kollegen in der Zentrale in Karlsruhe, Kollegen in der Logistik-Zentrale („Papa, was ist eine Logistik-Zentrale…?“) und solche, die von Filiale von zu Filale gehen und die mehr helfen, damit ICH mich wohlfühle und besser für unsere gemeinsamen Kunden da sein kann. Die kriegen dann die Sachen schneller, sie sind billiger, gemeinsam haben wir neue Ideen, was wir sonst noch so anbieten können und außerdem bin ich überwiegend gut gelaunt und wenn mal ein Kunde zu uns in die Filiale kommt und ne Frage hat, weiß ich, was ich ihm antworten will und kann ich leicht freundlich bleiben.“

In der entsprechenden Beschreibung des Filialleiters und eines „Zentralenmitarbeiters“ würde diese Beschreibung ähnlich auch vorkommen. Nur dass sie den Dreh hätte: „Ich bin für die Leute in den Filialen da, und mache das und das für sie, damit sie dann besser für unsere gemeinsamen Kunden da sein können.“

Kurzgsagt: Unternehmen sind per se SINNVOLLE Gebilde. Leider fühlen sie sich bisher nur sehr selten so an. Nach meinem Dafürhalten: Weil wir sie falsch ansehen. Und dann schauen sie uns eben auch ziemlich scheel und schräg zurück an. Und das fühlt sich überwiegend nicht ganz so dolle an…

Mein Bild von Unternehmen: Im Kern, in ihrem Herzen stehen Kundenbedürfnisse. „Der Markt“ ist INNEN, nicht außen. – Denkt man ihn außen, kommt man zu dem allseits bekannten und beliebten: „Kunde droht mit Auftrag und stört mit Fragen“.

„Außen“ sind in diesem Denken von Unternehmen eher die „Manager“, die „Back-Office-Mitunternehmer“. Sie gruppieren sich um die „Mitunternehmer mit direktem Kunden- und Produktkonkakt“ herum und unterstützen diese, weil es für diese dann möglich wird, sich noch besser mit dem Kunden und seinen Bedürfnissen zu verbinden.

– Daher bin ich durchaus auch ein Freund von BESTIMMTEN Modellen, die von „internen Dienstleistern“ sprechen, deren „Kunden“ dann aber systematisch immer die „Mitunternehmer mit Kunden- und Produkt-Kontakt“ sein sollten, damit unser Unternehmen als Ganzes seinen Sinn nicht aus den Augen verliert.

Dieser „Sinn unseres Unternehmens“ ist es, bestimmten, benennbaren Bedürfnissen von Menschen immer besser und auf immer neue Weisen zu dienen und diese Bedürfnisse niemals ganz aus den Augen zu verlieren.

Ich glaube, DAS kann auch mein 5-jähriger Sohn verstehen.

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Um noch ein wenig deutlicher zu machen, wie leicht diese Sinndimension im Arbeitsalltag verloren geht und wie leicht man diese ins Unternehmen zurückholen kann, wenn die Mitunternehmer nicht durch schlechte Organisation (= unternehmenssinn-vergessene Organisation) dabei gestört werden, erlaube ich mir, das Ende eines vor ein paar Monaten in der ZEIT erschienenen Artikels zu zitieren:

„…Häufig hilft es, den Mitarbeitern immer wieder die echte Sinnhaftigkeit ihres Tuns vor Augen zu führen. An der Universität in Michigan führte der Organisationspsychologe Adam Grant ein Experiment mit Studenten durch, die in einem Callcenter Stipendien eintreiben sollten. Der Telefonjob war nicht nur eintönig und schlecht bezahlt, die Studenten mussten sich auch Beleidigungen anhören oder abwimmeln lassen. Die Erfolgsquote lag bei traurigen sieben Prozent. Versuche, die Studenten mit Geldgeschenken und Wettbewerbsspielen zu motivieren, hatten wenig Erfolg. Grant kam auf eine andere Idee: Er lud einen ehemaligen Studenten ein, der allein dank der auf diese öde Weise eingetriebenen Mittel an der Universität hatte studieren können – und der heute selbst als Lehrer arbeitet. Der Mann erzählte nun den studentischen Geldeintreibern, dass er diesem Stipendium seinen Lebenserfolg zu verdanken habe. Einen Monat später verbrachten die Studenten 142 Prozent mehr Zeit am Telefon und trieben 171 Prozent mehr Geld ein – ohne ihre Methoden geändert zu haben. In einer Folgestudie verfünffachten sich die Umsätze sogar. Selbst Briefe von dankbaren Stipendiaten, die man den Anrufern vorlegte, erhöhten deren Arbeitseinsatz. Die Studenten waren produktiver und glücklicher, weil sie wussten, dass sie mit ihrer Arbeit anderen halfen. Plötzlich erkannten sie Sinn in dem Stumpfsinn, den sie taten.

Von einem ähnlichen Fall berichtet der Managementexperte Nink von der Beratungsfirma Gallup: Der Leiter einer Fabrik, in der künstliche Hüftgelenke hergestellt und verpackt werden, beklagte sich, dass seine Leute die Arbeit mit sehr wenig Hingabe erledigten. Sie bauten halt irgendwelche Ersatzteile zusammen, ohne zu wissen, für wen oder warum. Die Folgen der Lustlosigkeit: Das Unternehmen litt unter einer hohen Fehlerquote, die Mitarbeiter waren froh, wenn der Arbeitstag zu Ende war. Bis der Fabrikchef eine Gruppe von Patienten einlud, die dank der dort gefertigten Prothesen wieder beschwerdefrei laufen konnten. Die Arbeitsleistung in der Fabrik stieg daraufhin sprunghaft an. Die Mitarbeiter hatten erkannt, dass sie mit ihrer Arbeit das Leben anderer Menschen zum Besseren wenden konnten.“

(Aus: DIE ZEIT, 3. April 2014, N°15, Wirtschaftsteil, unter dem Titel: „So wollen wir arbeiten“, kompletter Artikel hier online abrufbar)

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