Warum dieser blog überhaupt existiert

Ursprünglich wollte ich ja mal was ganz anderes. Ursprünglich wollte ich eigentlich ganz viel anderes. Ich wollte: Einfach einen guten Job, meinen Frieden und Ruhe, Kontakt und Austausch zu netten Leuten, die mitdenken, Anregungen, mich austoben, viel Geld natürlich, genügend Zeit für meine Familie und Freunde, und noch tausend Dinge aus dem Wünsch-Dir-Was-Land mehr…

Aber dann hatte ich diesen Job und danach war alles anders. Große Firma, Jobdescription: Perfekt, Chefin: Cool, Kollegen: In Ordnung wie überall, Gefühl nach kurzer Zeit: mulmig mit Tendenz zum schweren Unwohlsein, und nach ein paar Monaten schon Vollalarm im ganzen inneren System bei mir…

Ich bin dann recht schnell gegangen, aber danach war eben alles anders und ich musste mich erst mal neu sortieren. Dank einem Urlaub in Südtirol mit einem guten, alten Freund dauerte das wesentlich kürzer als ich gedacht hatte. Ganz neue Pläne. Einer davon: Ich gründe selber eine Initiative zur Veränderung des Wirtschaftslebens, dazu, wie in Unternehmen gearbeitet und vor allem zusammengearbeitet wird. Die „Initiative qualitative Marktwirtschaft“ war geboren. Mit schwer polemischem Einschlag. Schon im Titel, denn das Unternehmen, aus dem ich gerade kam, stand voll auf Scorecards und Zahlen. Rein quantitatives Wirtschaften eben. Nach einem Monat hatte ich dort eine company-Gesamtversammlung erlebt, auf der ich die „Anbetung der nackten Zahl“ bestaunen durfte: „You are awesome!!!“ hörte ich den CEO rufen. – Warum „wir“ awesome waren? Weil „wir“ im letzten Fiscaljahr beinahe 300 Milliarden Umsatz gemacht und damit das vorgegebene Ziel nur ganz, aber wirklich nur ganz knapp verfehlt hatten. Wow!

Oder besser gesagt: Naja.

Jedenfalls gründete ich dann diese Gruppe auf Xing, die zum Ort und Homeground dieser Initiative werden sollte. Ich hätte das nicht getan, wenn ich damals schon gewusst hätte, was es schon alles in dieser Richtung gibt an Initiativen, Bewegungen und Gruppen. Aber egal: Hätte ich es nicht gemacht, hätte ich genau diese ganzen anderen Menschen, die ähnlich empfinden und denken wie ich wohl niemals kennen gelernt, zumindest nicht so schnell.

Eine Xing-Gruppe gründete ich, weil ich meinen eigenen Hang zum Monolog kenne. Das wollte ich nicht, ich wollte Austausch. Dafür schien mir Xing eine gute Plattform. – Das lief dann auch ganz gut. Zwar kamen die meisten, naja, die allermeisten Artikel von mir, aber die Resonanz war gut und ab und an kam eine lockere oder auch schmissige Diskussion zustande. So ging das gute zwei Jahre und insgesamt wurden dort in dieser Zeit ca. 300 Artikel veröffentlicht, natürlich samt und sonders von allerhöchster Qualität und so nah am Kunden, dass es einer  virtuellen Körperbelästigung gleich kam… 😉

Irgendwann beschloss aber Xing, sie müssten etwas an ihren Gruppen ändern. Warum, weiß ich nicht so genau, bei mir kam an: Damit Xing auf Smartphones besser abrufbar ist. Ich persönlich habe kein Smartphone, weil ich meine Haltungsschäden (Kopf ständig nach unten) nicht vorsätzlich weiter forcieren will und weil ich weiß, dass ich dann jeglichen mir unbekannten Weg auf googlemaps nachschauen und so meinen Orientierungssinn und mein durch  wirklich harte Arbeit antrainiertes „Nach einem Weg kann man auch einfach mal fragen“ ruinieren würde. Aber im Prinzip natürlich nachvollziehbar, dass Xing auf Smartphones gut abrufbar sein muss, wenn sie nicht ein kleines Zukunftsproblem kriegen wollen. – Also jedenfalls wurde „meine“ Gruppe irgendwann zwangsmigriert ins neue Format. Natürlich mit Ankündigung lange vorab, natürlich mit Herausstreichen „der vielen Vorteile“. – Ich hab das hingenommen, es schien mir nicht so wichtig, und es erst einmal ignoriert.

Irgendwann war dann da aber ein ganz komischer neuer Artikel in meiner Gruppe. Hm. Sah nach Werbung für irgendeine Veranstaltung aus. „Wie kommt der denn da her?“ dachte ich mir. „Und von wem ist der überhaupt? – Die kenne ich ja gar nicht!“ – Reflexartig löschte ich den Artikel kraft meiner allmighty Moderator-Rechte. – Sowas hatte ich zuvor in der ganzen Zeit als Moderator noch nie getan. – Dann begann ich nachzudenken: Hatte ich nicht Gruppeneinstellungen, nachdem nur Gruppenmitglieder Artikel schreiben konnten, auch wenn alle Artikel allen, auch nicht-Xing-Mitgliedern zugänglich waren? Hatte ich nicht Gruppeneinstellungen, denen zu Folge eine Mitgliedschaft beantragt und begründet werden musste? – Schien alles bei der Zwangsumstellung von Xing hops gegangen zu sein. – Ich wurde allmählich sauer.

Das war doch das gleiche idiotische Konzern-Vorgehen, gegen das ich seit mehr als 2 Jahren anschrieb: Jemand denkt sich was aus, natürlich lange und intensiv, analysiert, recherchiert. Irgendwann wird entschieden: „Das machen wir“. Dann wird es intern verkündet und promotet. Mit Murren der Verkündigungs-Empfänger wird gerechnet. Ist ja nicht anders zu erwarten. Durchgezogen wird trotzdem, wird sich schon gewöhnen, das Völkchen, wie auch schon an einiges andere vorher…

Da war mir dann irgendwie klar, dass es ein kleiner, ein klitzekleiner performativer Selbstwiderspruch wäre, auf Xing zu bleiben und dort gegen diese Art der Kooperation und der Kundenbehandlung anzuschreiben. Bzw. genauer mittlerweile: Für Austausch, Bedürfnisbewusstsein und Zusammenarbeit auf Augenhöhe Argumente und Beispiele aus der „harten Businesswelt“ zu finden. – Zumal Xing sich auch vorher schon ein paar mal schwer versündigt hatte: Es hatte „mein“ schönes kununu aufgekauft, generalüberholt und ziemlich unkenntlich gemacht. Es hatte mein (nun wirklich mein) Profil auf Xing selber zwangsüberholt, dabei mehrere hochgeladene Docs einfach mal eben gelöscht, mehrere zeitintensiv geschriebene und durchdachte Selbstvorstellungstexte durch Taggisierung mal eben unlesbar und ungenießbar gemacht. Ohne mal vorher auch bei mir als langjährigem, zahlenden Kunden anzufragen, wie ich das wohl so fände…

Tja. Und darum bin ich nun hier. Und tue das, was ich nie tun wollte: Ich blogge.

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4 Gedanken zu “Warum dieser blog überhaupt existiert

  1. Wow! Ich wollte auch all diese Dinge…und hatte dann diesen Job und das Gefühl, dass etwas ganz furchtbar schief läuft. Ich bin noch dabei, mich neu zu sortieren. Heute bin ich total happy, festzustellen, dass es anscheinend doch eine Menge Leute gibt, die ähnlich denken wie ich. Das macht mir Hoffnung. Ich wusste bis heute nicht, was es in dieser Richtung alles gibt und habe mich immer wie eine Ausserirdische gefühlt, die hier fehl am Platz ist. Daher: vielen Dank für diesen Blog!!

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  2. Danke liebe Simone für Deinen Kommentar! – Ich kann Dir versichern: Du bist nicht allein! Es gibt hunderte, wahrscheinlich eher sogar tausende von anderen Menschen, denen es da ähnlich geht wie Dir. – Und es gibt immer mehr Netzwerke, in denen sie sich zusammenfinden und sich gegenseitig unterstützen. – Falls Du bisher für Dich noch nicht das Passende gefunden hast, könntest Du z.B. hier mal schauen, ob da was „für Dich dabei ist“: https://www.xing.com/communities/forums/100363295?sc_o=b6733_gsnp&sorting=newest_first

    Ich selber bin Teil der „intrinsify“-Community, wo inzwischen zwischen 200 und 300 Menschen deutschlandweit sich austauschen und alle 3 Monate treffen. Immer in einer anderen Stadt in Deutschland. Die Veranstaltungen heißen „Wevents“ und finanzieren sich aus freiwilligen Kostenbeiträgen. Der nächste wird in Lübeck sein: http://intrinsify.me/veranstaltungen/events/id-16-intrinsifyme-wevent.html

    Auf dem Wevent in Lübeck werde ich persönlich leider nicht sein. Aber für den Wevent danach habe ich es bereits fest vor. Dort bekommt man immer viele Anregungen, viel Ermutigung und Austausch mit Ähnlich-Gesonnenen! 🙂

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