Beseelte Unternehmen ——-vs. ————– Seelenlose Geldvermehrungszombies

In der klassischen abendländischen Philosophie ist der Begriff der „Seele“ nichts sonderlich Abgehobenes oder Esoterisches. Er fußt auf einer recht einfachen, fast naiven Beobachtung: Es gibt „Dinge“ auf der Welt, „die bewegen sich von selbst“ und es gibt andere, die muss man anschubsen, ziehen oder sonstwie von außen bewegen, damit sie sich bewegen.

Den Dingen, die sich von selbst bewegen, wird entweder eine Seele unterstellt („wo keine Ursache, da keine Wirkung“) oder es wird so lange gefahndet, bis die äußere Ursache der Bewegung gefunden ist.

Überträgt man das – ebenso naiv – einfach mal auf unsere heutigen Unternehmen, kann man neben Anderem Folgendes sehen:

Es gibt Unternehmen, die haben ganz offensichtlich eine Seele, denn sie bewegen sich aus sich selbst heraus.

Und es gibt andere Unternehmen, die sich von selbst niemals bewegen würden; sie müssen vielmehr permanent von außen bewegt werden, damit sie in Bewegung bleiben. – Ich persönlich nenne solche Unternehmen „Reine Geldvermehrungsmaschinen“ oder „Unternehmenszombies“ (wobei man da den klassischen Filmzombies Unrecht tut, denn diese bewegen sich dann ja doch irgendwie aus sich selbst heraus, auf der Suche nach frischem, lebendigem Fleisch…).

Spannend ist dabei für mich, dass die „Lebendigkeit“ bzw. „Beseeltheit“ und ihr Gegenteil „die Untotheit“ bzw. „Seelenlosigkeit“ eines Unternehmens sich auf ihre lebendigen Bestandteile: die „Mitarbeiter“ bzw. „Mitunternehmer“ teilweise überträgt.

Das kann man an Beobachtungen wie den Folgenden festmachen:

In seelenlosen Unternehmen werden Mitarbeiter von außen geführt und müssen von außen geführt werden. Ihnen werden „Anreize gesetzt“, sie bekommen Boni und Karriereversprechen vor die Nase gehalten, sie werden mit Mahnungen, Kündigungen und interner Degradierung bedroht, etc. – kurz: Sie werden von außen bewegt als ob es sich bei diesen Menschen um seelenlose (nicht-selbstbewegte) Teile handelte, die man von außen irgendwie in Schwung bringen und halten müsste.

In beseelten (oder sollte ich sagen „seelenvollen“?) Unternehmen wird mit den Mitunternehmern gar nichts gemacht, sondern sie machen und ihre Selbstbewegung ist das Bewegungsprinzip des Unternehmens. Nie käme man dort auf die Idee, dass man an den jeweiligen Menschen ziehen, zerren oder sie anschubsen müsste, damit sie „das tun, was sie tun sollen“. – Die Zusammenwirkung all dieser „einzelnen beseelten Elemente“ geschieht auf ganz andere Weise. Nicht mechanisch, sondern, wie es so schön heißt: „organisch“.

Die Menschen sind als Mitunternehmer die „Augen“, „Ohren“, „Mund“, „Verdauung“, „Atmung“, „Muskeln“, „Hände“, „Füße“, „Haut“ usw. des Unternehmens. Jeder Beitrag ist wichtig und unentbehrlich (ansonsten wäre das Organ wirklich überflüssig) und auch der Zustand jedes einzelnen Menschen ist wichtig, den er wirkt sich unmittelbar auf die Lebendigkeit und die „Fitness“ des Gesamten aus. Darum sorgt man sich in solchen Unternehmen auch ganz anders umeinander: Nicht durch irgendwelche aufgesetzten Programme, für die besondere Abteilungen oder Stabsstellen zuständig sind, sondern unmittelbar: von Mensch zu Mensch, Kollege zu Kollege, Mitunternehmer zu Mitunternehmer.

Was hält aber solche Unternehmen „im innersten zusammen“, wenn es eben keine äußeren Kräfte (Investoren, die Geld reinbuttern, um es möglichst bald mit möglichst hohem Gewinn wieder abzuziehen und deren Agent im Unternehmen „das Management“ ist) sind, die es zusammenhalten? – Die Mitunternehmer gruppieren sich im Kern um die Seele des Unternehmens und richten Ihr Handeln freiwillig (!) nach ihr aus (unvorstellbar nicht wahr? – wenn es solche Unternehmen nicht schon in der Realität gäbe…).
Die Seele eines Unternehmens ist aber das, wozu das Unternehmen eigentlich da ist: Eine Zusammenkunft, um ganz bestimmten, festgelegten Bedürfnissen anderer Menschen, der sogenannten „Kunden“ zu dienen. – Von der Möglichkeit, diesen Bedürfnissen zu dienen, immer besser und immer neu und anders, sind solche Unternehmen beseelt. Und mit ihnen die Mitunternehmer (Dass es sich um eine freiwillige Zusammenkunft handelt, wird m.E. sehr schön durch das englische Wort „company“ ausgedrückt).

Manche nennen das „Der lebensbejahende Zweck eines Unternehmens“, also der Grund, aus dem heraus ein Unternehmen existiert, und der nicht darum besteht, möglichst viel Geld an einer Stelle, in einem Topf zu konzentrieren, aus dem dann jeder der Beteiligten versucht, das maximale für sich herauszuholen (Mitarbeiter, Manager, Investoren, Eigner, Kunden, Dienstleister).

Jenseits davon steht ein weiteres Unternehmensbedürfnis: Das Bedürfnis nach Identität, das vom Unternehmensbedürfnis Lebensbejahender Zweck unterschieden werden kann. – Auch dieses Bedürfnis ist Teil der Beseeltheit eines Unternehmens. Es ist Ausdruck von „So machen wir das hier“ und von „So etwas würden wir hier nie tun wollen“ und von „Darin unterscheiden wir uns von anderen“ und von „was wir bei uns erhalten wollen, weil es uns ausmacht“.

Aus der Spannung zwischen Identität und Lebensbejahendem Zweck eines Unternehmens entsteht die Lebendigkeit eines Unternehmens.

Denn Unternehmen, die rein auf ihren Zweck konzentriert sind, laufen Kundenbedürfnissen hinterher, ohne Blick auf sich selbst. Sie sind getriebene ihrer selbstgewählten Märkte, verlieren sich und werden nach und nach. – Ein sicherer Weg in den Unternehmenstod, in die Auflösung des Unternehmens (wenn nicht ein Investor kommt, das Unternehmen „rettet“, indem er es damit zugleich zum Zombie macht).

Ein Unternehmen dagegen, dass rein auf seine Identität konzentriert ist, beschäftigt sich nur noch mit sich selbst und internen Fragestellungen, verliert aber völlig den Kontakt zu seinen Kunden und den Bedürfnissen, für die es ursprünglich einmal da sein wollte. Es kreist um sich selbst und die Einnahmen aus Kundenkontakten werden dabei immer weniger. – Auch dies ist ein sicherer Weg in den Unternehmenstod.

Aus der Spannung aber zwischen den beiden „Identität“ und „Zweck“ eines Unternehmens geht die Notwendigkeit hervor, innovativ sein zu müssen, neue Lösungen finden zu müssen. Denn in einem Unternehmen, dass beiden Bedürfnis die volle Beachtung schenkt, die sie verdient haben, sind viele Lösungen unmöglich, die ansonsten naheliegend sind: Bestimmte Dinge können wir dann nicht tun, weil sie uns weg von den Kundenbedürfnissen bringen, für die wir da sein wollen. Andere naheliegende Dinge können wir nicht tun, weil wir sie niemals mit unserer Unternehmensidentität in Einklang bringen könnten („wir wären nicht mehr wir selbst“).
Wenn aber Naheliegendes (das andere Unternehmen bedienen mögen) aber unmöglich ist, müssen wir Neues finden und erfinden, um dieser unserer Spannung gerecht zu werden. Aus uns selbst heraus. Aus unserer freiwilligen Verpflichtung uns selbst und unserem Unternehmen gegenüber. Weil wir dann in der Regel unser Unternehmen „lieben“: Es ist Ausdruck aller Mitunternehmer, sie fühlen sich ihm verbunden, sie bringen sich ein und werden durch ihre Tätigkeit dort wirklich bereichert (monetär, aber eben nicht nur monetär).

Dass beide Bedürfnisse (Identität und Zweck eines Unternehmens) unterschieden werden können und sollten, kann man auch an Folgendem sehen:

Es sind mehrere Unternehmen denkbar, die WIRKLICH (nicht vermeintlich) den gleichen Markt haben. Das sind diejenigen Unternehmen, die darin bestehen, dass sie den GLEICHEN Kundenbedürfnissen dienen wollen.

Zugleich gibt es ganz unterschiedliche Arten und Möglichkeiten, dem gleichen Bedürfnis zu dienen (in der Sprache Marshall Rosenbergs, Begründer der GfK, nennt man das „Strategien“).

Unternehmen verschmelzen nicht per se, weil sie den gleichen Kundenbedürfnissen zu dienen versuchen. Sondern sie entwickeln ganz unterschiedliche Weisen, mit ihren ganz spezifischen Möglichkeiten und Grenzen, das zu tun. – Eben das macht die unterschiedlichen „Identitäten“ verschiedener Unternehmen aus, die dann bei „Mergers&Acqusitions“ einem Heer von Verschmelzungsspezialisten so zu schaffen macht. – Diese Spezialisten müssen nämlich das Unmögliche vollbringen, zwei getrennte Seelen zu einer zu verschmelzen. Da es sich aber um Seelen handelt (selbstbewegt, we remember) und nicht um irgendein Metall oder anderes Material, kann da nichts verschmolzen werden. – Das einzige, was zwischen zwei getrennten Seelen möglich ist, ist so etwas wie „Freundschaft“ oder – wenn man es aufgeladener mag – „Liebe“. Unternehmen können sich also heiraten – Und das ist dann ähnlich komplex wie bei einer echten Ehe zwischen zwei Menschen.

Was in der Regel bisher passiert, wenn „ein Unternehmen ein anderes kauft“ ist: Versklavung. Einer der bisher noch häufigsten Irrtümer in der heutigen Wirtschaftswelt ist die Annahme, dass man etwas Beseeltes (Unternehmen, Menschen) versklaven kann und sich GLEICHZEITIG die Selbstbewegtheit dessen, was man da gekauft hat, zu Nutze machen kann oder dass einem diese irgendwie dann zur Verfügung stünde.

Diese falsche Annahme führt beim Käufer immer zu großen Enttäuschungen – Und zu falschen Folgeannahmen. Z.B. zu der, der jeweilige Mensch oder das jeweilige Unternehmer hätte niemals eine Seele besessen. – Die eigene Rolle, die eigene Aktivität: Das Kaufen und Versklaven wird dabei nicht gesehen und nicht in Rechnung gestellt.

Man hat also demotivierte (scheinbar nicht mehr selbstbewegte) „Mitarbeiter“. Und man denkt: „Da muss ich jetzt schlaue, neue Wege finden, die zu motivieren“ (wahlweise wie Gegenstände, die ich dauerhaft anschieben muss, damit sie in Bewegung bleiben, oder wie Maschinen, die kaputt sind und die ich reparieren muss, damit sie sich wieder bewegen)…

Philosophie übrigens wird manchmal definiert als „Gespräch der Seele mit sich selbst“.

Und ihr Ziel lautet seit jeher: Gnothi seauton, nosce te ipsum, erkenne Dich selbst.

Manchmal frage ich mich, wann sich die Investoren, Firmeneigner und Manager unserer Welt zum letzten Mal die Zeit genommen haben, mit sich selbst ein echtes, offenes Gespräch zu führen…

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